Kleiner Bruder - Leosplace

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Geschichten
Kleiner Bruder
Es regnet, als das Tor für ihn geöffnet wird. Eine Welt, die auf ihn gewartet hat. „Mach keinen Scheiß und bleib sauber,“ sagt der Wärter und lächelt ihm freundlich zu. „Scheiß Penner,“ raunt er, zieht sich die Kapuze seines Pullis tiefer ins Gesicht und geht.
Er bildet sich ein, dass die Leute auf der Straße ihn anstarren.  Ein wenig verunsichert bleibt er stehen. Wo verdammt ist er? Er kennt diese Gegend nicht. Unter den Menschen auf der Straße meint er ein Gesicht zu erkennen. Er beginnt zu laufen. Drei Typen rennen hinter ihm her. „Der ist es, Mann! Ganz sicher!“, schreit einer von ihnen, „das ist der Kerl, der meinen Bruder umgebracht hat.“   
Er ist schneller als sie, die Todesangst verleiht ihm Flügel. Irgendwann geben sie auf. „Verpiss dich ruhig, du Wichser!“, schreien sie noch und fuchteln mit ihren Messern in der Luft. „Wir kriegen dich noch, Eric!“ Er rennt noch ein Stück, dann bleibt er stehen, schnappt nach Luft. Herzlich willkommen im Leben außerhalb der Mauern. Er lehnt sich an eine Hauswand, versucht seine Gedanken zu ordnen.  
„Eric?“ Er zuckt zusammen, fährt herum. Wir kriegen dich noch, Eric! Er packt die Gestalt am Kragen, presst sie gegen die Wand. „Was verdammt wollt ihr von mir?!“ „Eric, was soll das? Ich bin es doch!“ Ihre Stimme. Er lässt sie los. Verunsichert sieht sie ihn an.  
Sie hat die Haare jetzt blond und ein Piercing in der Lippe. Auf der Wange ist eine auffällige Narbe. Sie ist nicht mehr die Fünfzehnjährige von vor sechs Jahren. „Hey, Alex“, murmelt er, vergräbt die Hände in den Taschen. „Lange nicht gesehen. Wie geht’s?“ „Offensichtlich besser als dir“, erwidert sie und mustert ihn. „Du bist heute rausgekommen, was?“, fragt sie und zündet sich eine Kippe an. „Willst du?“ Sie hält ihm die Schachtel hin. „Klar, danke.“ Er zündet sich eine an. „Wie geht es den anderen?“, fragt er. „Wie geht es deiner Freundin… Becci?“ „Hat sich verpisst.“ „Echt?“  
Er sieht sie genauer an. Ihre Wangen sind ein wenig eingefallen. Unter den Augen hat sie dunkle Schatten. Ihr Haar hängt in Strähnen. Diese Braut fand er mal heiß? „Bist du drauf?“, fragt er. Sie schüttelt den Kopf. „Bin grade wieder clean“, sagt sie. „Aber wenn du etwas Stoff hast…“ Er schüttelt heftig mit dem Kopf. „Hab' im Knast aufgehört mit dem Scheiß.“ Sie lächelt verzerrt. „Dann war's ja nicht ganz umsonst.“ Früher hätte er ihr für diesen Satz eine geknallt. Heute nicht.  
„Gehst du anschaffen?“, fragt er. „Sehe ich so aus?“, fragt sie. Ja, denkt er. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Du siehst… abgefuckt aus. Hast du Stress mit ein paar harten Jungs?“ Sie wird wütend. „Du hältst mich also für 'ne beschissene Nutte?“ „Nicht für 'ne beschissene Nutte“, sagt er, bereut es gleich darauf. „Sorry, Alex.“ „Ach, hau einfach ab, Arschloch“, faucht sie und tritt ihre Kippe aus. „Du hast dich kein bisschen verändert.“ Sie wirft ihm einen enttäuschten Blick zu und will gehen. Er hält sie am Arm fest. „Sorry“, sagt er noch einmal. „Lass mich los!“ „Was ist mit meinem Bruder?“, fragt er. „Weißt du, wo ich ihn finde?“ Sie kneift die Augen zusammen. „Ich habe von Sam seit Ewigkeiten nichts mehr gehört. Lass mich jetzt los!“ „Hat er nach mir gefragt?“ Sie wehrt sich gegen seinen Griff. „Lass mich los, du tust mir weh!“ „Hat er nach mir gefragt?“ „Nein, Eric“, sagt sie, als sie einsieht, dass es zwecklos ist. „Er hat nicht nach dir gefragt. Und soll ich dir was verraten: Du interessiert ihn wahrscheinlich 'nen Scheißdreck!“ Sein Gesicht erstarrt.  
„Das ist nicht wahr“, sagt er. Sie stöhnt. „Lässt du mich jetzt bitte los? Ich hab noch was zu erledigen.“ „Willst du auf den Strich?“ „Arschloch“, ist das einzige, was sie sagt. „Nein, jetzt im Ernst.“ Er sieht sie an. „Willst du?“ „Du bist nicht der Einzige, der Probleme hat, Eric.“ Er lässt sie los. Sie zündet sich eine neue Kippe an. Ihre Hände zittern. „Ich meine… du hast 'nen Typ umgebracht. Das war…“ Sie sucht das richtige Wort. „Mies. Und dafür bist du eben in den Knast gewandert.“ Ihre Finger zittern auch beim Rauchen. „Und jetzt bist du eben wieder draußen. Vieles hat sich verändert. Die Menschen haben sich verändert und so. Aber du kannst nicht erwarten, dass alle vergessen haben, was du getan hast.“ Sie drückt die Kippe an der Wand aus.
„Es war kein Mord“, sagt er. „Dann ist Tyler also wieder lebendig?“, fragt sie. „Nein“, sagt er, „aber ich wollte ihn nicht umbringen.“ Sie schüttelt verständnislos den Kopf. „Es ist egal, ob du das wolltest oder nicht. Tyler ist tot, Mann. Und du bist schuld.“ Er schweigt. „Sag mal, bereust du das eigentlich?“, fragt sie dann. Sie soll ihre verdammte Klappe halten, denkt er. „Ich wollte ihn nicht umbringen“, sagt er noch einmal. Sie sieht ihn eindringlich an. Dann schultert sie ihre Tasche. „Ich gehe jetzt“, sagt sie. „Um ehrlich zu sein… ich bin extra hergekommen, weil ich wusste, dass du heute entlassen wirst. Ich wollte sehen, ob du dich verändert hast. Aber du bist noch das gleiche Arschloch von damals.“ „Warte!“ Er rennt ihr hinterher, versperrt ihr den Weg. „Ich werde das wieder gutmachen Lex. Ich verspreche es dir!“
„Ach ja?“ Sie wendet den Blick ab, damit er nicht sieht, dass sie weint. „Wie willst du das machen? Hast du auch nur einen Augenblick an mich gedacht? Daran, wie ich mich fühlte, als du plötzlich weg warst?“ Er schweigt. Sie hebt den Kopf ein wenig. „Wo warst du, als ich abgerutscht bin, he? Wo warst du, als diese Scheißwichser mich zusammengeschlagen haben, weil ich meine Schulden nicht bezahlen konnte? Wo warst du als mein Zuhälter mir die Wange aufgeschlitzt hat, weil ich nicht genug Geld rangeschafft habe? Wo warst du, Eric?“ „Ich mache es wieder gut, Lex“, sagt er. „Ich werde dich da rausholen. Ich verspreche es.“ „Ich bin nur noch 'ne scheiß Nutte“, sagt sie, „und zwar eine, die ganz unten ist. Du kannst mich da nicht mehr rausholen.“ Er sieht sie an. Ihre Augen sind immer noch schön, auch wenn sie jetzt traurig aussehen. „Lass mich jetzt gehen!“ Sie zwängt sich an ihm vorbei. „Ich werde kommen und dich da rausholen, Lex!“, ruft er ihr nach, während sie davoneilt. „Ich verspreche es dir. Ich komme und hole dich da raus.“ Dann lässt er sie gehen.  
Sein Handy klingelt. Er hebt ab. „Hey, JG.“ „Du bist jetzt draußen, habe ich gehört?“ „Ja“, sagt er, „das spricht sich schnell rum.“ „Klar, Mann.“ JG hustet. „Pass auf, da sind so Typen hinter dir her.“ „Ach, echt?“ Er verdreht die Augen. „Ist mir noch gar nicht aufgefallen!“ Er merkt, wie er zornig wird. „Die Warnung kommt ein bisschen spät, Mann. Die Typen haben mich schon gesehen!“ „Scheiße, Mann!“ „Wer sind diese Kerle, JG?“ „Kumpel von Mickey.“ „Wer ist Micky?“ „Na, der Bruder von Tyler. Der ist grade ganz groß im Geschäft, weißt du? Hat voll Cash und so. Und Stoff. Der hat massenweise Stoff. Der hat die Kerle angeheuert, denke ich.“ „Scheiße.“ Er lehnt sich an die Wand. „Eric?“ „Ja?“ „Du hast Probleme!“ „Weißt du, wo mein Bruder ist?“ JG schweigt. Dann sagt er: „Sorry, Kumpel. Echt keinen Plan. Von dem haben wir schon lange nichts mehr gehört.“ Er wird müde. Warum weiß niemand, wo sein Bruder ist? „Komm her, Kumpel!“ JG klingt besorgt. „Komm her und wir reden über alles, ok? Weißt ja, wo du mich findest. Du kannst auch wieder einsteigen, wenn du willst.“ Seine Geduld ist am Ende. „Ich will die ganze Scheiße nicht mehr, verstehst du?! Ich will meinen Bruder sehen. Ich war sechs Jahre im Knast, weil ich 'nen Typ umgelegt habe. Ich will einfach nur mit allem abschließen!“ Am Ende der Leitung ist es still. Er wird aggressiv. „Was?!“, brüllt er in sein Handy. „Pass auf dich auf, Bruder“, sagt JG.  
Er hastet die Straße entlang, kommt sich verfolgt vor. Doch als er sich umsieht, ist da niemand. Er biegt in eine Seitenstraße ein, knallt gegen jemanden. „Sorry“, sagt er und will weiter, doch die Gestalt sieht ihn eine Augenblick zu lange an, erkennt ihn und sagt: „Du bist also wieder draußen.“ Sein Atem geht stoßweise. Er kann ihr nicht in die Augen sehen. „Hey, Lily“, sagt er, weicht ihrem Blick aus. „Wie geht’s so?“ „Wie soll's mir schon gehen, Arschloch?!“, faucht sie und krallt ihre Hand in seinen Pulli. „Du hast meinen Freund umgebracht, weißt du noch? Und da traust du dich allen Ernstes, mich zu fragen, wie es mir geht?!“ „Lass meinen Pulli los“, sagt er. Ich sollte sie einfach wegstoßen, denkt er, sie ist mir doch völlig unterlegen. Es wäre einfach sie wegzustoßen. Doch er tut es nicht. Er sagt nur: „Es tut mir leid, Lily. Echt.“ Da lässt sie ihn los. Hasserfüllt sieht sie ihn an. „Und du denkst, das reicht? Ja?“ Er starrt auf den Boden, weiß nicht, was er sagen soll.  
Sie kommt ganz nahe an ihn heran. „Ich will dir mal was sagen, Wichser“, sagt sie leise, atmet hörbar ein. „Du hast Tyler zu Boden gehauen… Und dann hast du einen Stein genommen und ihm damit auf den Kopf geschlagen. Immer und immer wieder… Auf den Kopf! Wir haben dir gesagt, dass du aufhören sollst. Wir haben dich angeschrien, dich angefleht aufzuhören. Dann hast du aufgehört. Wir dachten schon, es wäre vorbei. Tyler war noch nicht tot. Ich habe gehört, dass er noch geatmet hat… Da hast du eine Bierflasche genommen und sie ihm nochmal über den Schädel gezogen. Bang!“ Sie schreit das letzte Wort. „Der ganze Weg war voll mit Tylers Blut! Und da kommst du nach sechs Jahren und sagst, dass es dir leid tut?!“ „Ich wollte ihn nicht umbringen“, sagt er, will sich die Ohren zuhalten. Ich will die Scheiße nicht mehr hören, denkt er, sie soll ihre verdammte Fresse halten. Bang!“ Sie schreit es noch einmal. Und dann formt sie eine Faust, lässt diese durch die Luft kreisen und fängt wie eine Wilde an zu kreischen: „Bang! In die Fresse! Bang! Bang! Bang! Bang! Und nochmal: Bang!“ Er kann nicht mehr, hechtet an ihr vorbei. Hinter sich hört er sie lachen. Es klingt schaurig. Dann hört er sie laut schluchzen. Ich muss hier weg, denkt er. Er hat sich getäuscht. Die Welt hat nicht auf ihn gewartet. Das versteht er jetzt.  
Er weiß jetzt wieder, wo er ist. Diese Straßen hier kennt er. Ganz in der Nähe ist sein Elternhaus. Er bahnt sich den Weg durch die Häuser, lieblos in die Gegend geworfene Betonklötze. Dann ist er da, geht die Treppe hoch, bis in den fünften Stock und klingelt. Niemand öffnet ihm. Er klingelt noch einmal, dieses Mal energischer. Bitte macht auf, denkt er, verdammt, bitte. Dann öffnet sich die Tür ein Stück. Seine Mutter steht hinter der Sicherheitskette, sieht ihn durch diesen schmalen Spalt an. „Ich habe gewusst, dass du kommen wirst“, sagt sie tonlos. „Ma“, sagt er und merkt wie seine Kehle trocken wird. „Ma, wie geht es dir? Lässt du mich rein?“ Er sieht nur, dass sie langsam den Kopf schüttelt. „Das kann ich nicht… Du hättest nicht kommen sollen.“ Er kommt sich wie ein hilfloser Junge vor. „Es tut mir leid, Ma“, krächzt er. Seine Stimme spielt nicht mehr mit. „Was habe ich nur falsch gemacht“, murmelt sie. Er denkt, dass sie schlecht aussieht und er sie unglaublich gerne in den Arm nehmen würde. Doch er merkt, dass etwas zwischen ihnen steht, was dies nicht zulässt. Darum sagt er nur: „Ma, du hast nichts falsch gemacht.“ Sie beginnt zu weinen. Er würde sie gerne trösten, aber das kann er nicht. „Du hast nichts falsch gemacht“, sagt er noch einmal. Da weint sie noch heftiger. Er steht nur da, während in ihm drin etwas zerspringt. „Du solltest gehen“, sagt sie irgendwann leise und wischt sich die Tränen von den Wangen. „Du solltest gehen, Junge… Ich… ich ertrage es nicht, dich zu sehen. Der eigene Sohn, ein Mörder… Der eigene Sohn…“  „Ich bin kein Mörder“, sagt er und kommt sich furchtbar erbärmlich vor. „Ich wollte ihn nicht töten.“ „Sechs Jahre Gefängnis und immer noch keine Einsicht“, sagt sie dann. Ihre Stimme ist kalt.  Er will etwas erwidern, doch da hat sie die Tür schon wieder geschlossen. Er hört, wie sie den Schlüssel umdreht. „Ma!“, schreit er und hämmert mit den Fäusten gegen die Tür. „Sag mir wenigstens, wo mein Bruder ist. Sag mir, wo Sam ist! Ma! Ich muss ihn sehen. Nimm mir nicht meinen kleinen Bruder weg! Ma!“ Doch sie antwortet nicht. Er haut noch einmal gegen die Tür. Dann geht er. Er würde gerne heulen, doch in ihm ist alles wie eingefroren. Er weiß, dass sich diese Tür für ihn geschlossen hat. Für immer.  
Wieder draußen auf der Straße, kommt er sich beobachtet vor. Er geht ein paar Meter, bleibt stehen, dreht sich um. Tatsächlich, ein paar Typen verfolgen ihn. „Was verdammt wollt ihr!“, brüllt er und breitet die Arme aus. „Was, Mann?“ Er glaubt, dass er diese Typen aus der Szene kennt, aber nur vom Sehen her. Sie kommen näher. Einer von ihnen zieht eine Knarre unter seinem Shirt hervor, hält sie ihm vor die Nase. „Was wir wollen? Wir wollen Tyler rächen, du Wichser!“ Der Typ hat den Schädel geschoren und sieht aus, als würde er am Tag mächtig was an Koks vertickern. „Mickey?“, fragt er. Der Typ verzieht das Gesicht. „Ja, Mann“, sagt er dann. „So sieht’s aus. Da staunst du, was?“ Der Typ geht um ihn herum und hält ihm die Knarre an den Kopf. „Wie fühlt sich das an, he?“, fragt er. Seine Stimme überschlägt sich, wie bei einem Teenager. „Wie fühlt sich das an? Dich mach ich platt, du Penner! Für das, was du meinem Bruder angetan hast.“
In den skrupellosen Augen zeigt sich einen Hauch von Verletzlichkeit. „Ich meine, wo würden wir hinkommen, wenn jeder die Brüder von anderen Leuten killen würde, he? Ich sag's dir, Eric: Dann würde es jede Menge angewichste Brüder geben wie mich. Und ich lasse mich nicht gerne anwichsen. Schon gar nicht von so 'ner Pussy wie dir, klar!“  
Er steht da, sieht die Wut in Mickeys Gesicht. „Ich war betrunken“, sagt er, hat Panik, spürt die Knarre an seiner Schläfe. „Ich wollte ihn nicht umbringen, Mann. Ich bin kein Mörder.“ Mickys schwarze Augen sehen ihn kalt an. „Arschloch“, sagt er. „So Schweine wie dich, sollte man auf diesem Stuhl hinrichten. Wie heißt das Teil?“ „Elektrischer Stuhl,“ sagt einer seiner Kumpels. „Ja… danke Bro.“ Mickey hält die Waffe weiterhin an seinen Kopf. „Auf den elektrischen Stuhl gehören so Leute wie du. Das meinte ich.“ „Ich wollte Tyler nicht umbringen“, wiederholt er ein ums andere Mal, hofft, dass sie es ihm irgendwann glauben. „Weißt du, wie scheißegal mir das ist?“  Micky nimmt die Knarre von seiner Schläfe und baut sich mit der Waffe vor ihm auf. „Tyler ist tot, Mann. Mein Bruder ist tot, weil du seinen Kopf zu Brei geschlagen hast.“ „Ich war drauf“, murmelt er, kommt sich vor, wie bei seiner Verhandlung. „Tyler hat mich provoziert. Ich wollte niemals, dass es so kommt.“ „Ich will dir mal was sagen...“ Mickey kommt nahe an ihn heran, platziert den Lauf der Knarre unter seinem Kinn. „Du hast mit einem Stein und einer Bierflasche mehr als siebenunddreißig Mal auf ihn eingeschlagen. Nicht wollen sieht anders aus. Dafür mache ich dich kalt, Mann.“  
Da ist er auf einmal ganz ruhig. „Dann tu's doch“, sagt er. Mickeys Gesicht verzehrt sich. Angestrengt richtet er die Waffe auf ihn. „Tu's doch!“, schreit er. „Na, los. Tu's endlich!“ Es ist ok, denkt er. Mein Leben für die Zerstörung eines anderen. Das ist fair. Mickeys Arm, der die Knarre hält zittert. „Tu's endlich, Mann!“, schreit er noch einmal. „Tu's endlich, Mickey!“, schreien Micheys Kumpels. Da lässt Mickey die Waffe fallen. „Fick dich, du Wichser“, sagt Mickey. „Kommt Jungs, wir gehen. Lassen wir dem Wichser sein beschissenes Leben.“ „Ich wusste, dass du kein Mörder bist, Mickey“, sagt er. „Wenn ich dich umgebracht hätte, Eric“, sagt Mickey, „dann hätte mir das Tyler auch nicht mehr zurückgebracht.“ Mickey will schon gehen, dann dreht er sich noch einmal um. „Einen Moment noch, Arschloch“, sagt Mickey, holt mit der Faust aus und schlägt ihm so hart ins Gesicht, dass das Blut aus seiner Nase spritzt. „Das war für meinen Bruder, Arschloch“, sagt Mickey.  
Er irrt durch die Gassen, weiß nicht, wo er hingehen soll. Seinen ersten Tag in Freiheit hat er sich anders vorgestellt. Die gebrochene Nase schmerzt, aber das ist ihm egal. Das, denkt er, ist nur der kleinste Preis, den ich für Tylers Tod zu zahlen habe. Irgendwann setzt er sich an den Straßenrand, beobachtet die Menschen, die vorbeigehen. Er kennt sie nicht. Sie kennen ihn nicht. Manche von ihnen sehen ihn erschrocken an. Er muss furchtbar aussehen, das halbe Gesicht mit Blut verschmiert. „Eric?“ Diese Stimme. Er fährt zusammen, springt auf. „Sam!“, sagt er, kann sein Glück kaum fassen. „Du bist es, kleiner Bruder.“ Er denkt, dass Sam sehr gut angezogen ist. Er ist nicht mehr der Teenager von damals, der mit Baseballkappe und Ringen im Ohr herumgelaufen ist. Der die Schule schwänzte und schließlich abbrach. Der Dope zum halben Preis vertickte. Der unbedingt in die Szene wollte. Sein kleiner Bruder. „Du siehst gut aus, Sam“, sagt er, glaubt, dass er gleich anfängt zu heulen. „Was hast du so gemacht, die letzten sechs Jahre?“ „Naja...“ Sam zuckt mit den Schultern. „Ich… habe angefangen zu studieren.“  
Er starrt ihn ungläubig an. „Nicht dein Ernst, Mann.“ „Doch“, sagt Sam. „Jura.“ Da wirft er den Kopf zurück, lacht wie ein Irrer. „Ein schlechter Scherz, Mann“, sagt er, als er sich wieder halbwegs eingekriegt hat. „Nein, im Ernst, was machst du wirklich? Keiner von unseren Leuten konnte mir sagen, wo du steckst.“ Sam sieht ihn merkwürdig an. „Das sind nicht mehr meine Leute, Eric“, sagt er dann, fast ein wenig betreten. „Ich habe mich sehr verändert, nachdem du eingelocht worden bist. Ich hab 'nen Entzug hinter mir, habe meine Schulden bezahlt, bin ausgestiegen. Ich habe meinen Schulabschluss nachgemacht, bin Schulsprecher geworden, habe mich für mehrere Stipendien beworben. Und jetzt studiere ich Jura im zweiten Semester.“  
Eric muss sich von ihm abwenden, ist erschüttert, denkt, dass das nicht sein Bruder ist. „Du hast dich kein einziges Mal gemeldet“,  sagt er. Sam sieht zerknirscht aus. „Das tut mir leid, Eric“, sagt er dann nach einer Weile. „Ich hatte Angst, dass ich wieder absacke, wenn ich dich sehe oder nur mit dir rede. Ich war seit langem wieder auf dem richtigen Weg. Das musst du verstehen, Eric. Ich wollte nicht riskieren wieder… zurückzufallen.“ Sam sieht traurig aus. „Ich wollte nicht so enden, wie du, Eric“, sagt er dann leise, „kaum fünfzehn und schon wegen Mordes verurteilt. Ich war damals dreizehn, erinnerst du dich, und auf dem besten Weg so zu werden, wie du. Ich wollte das nicht mehr.“  
Eric spürt einen Kloß in seinem Hals, schluckt. „Hast du 'ne Kippe?“, fragt er, doch Sam schüttelt den Kopf. „Habe aufgehört zu rauchen.“ „Bist du jetzt ein Spießer, oder was?", fragt er, wird aggressiv, kommt sich irgendwie heruntergekommen vor. „Nein, aber ich habe etwas aus meinem Leben gemacht“, sagt Sam.  
„Dauert das noch länger, Sam?“ Eine Frau kommt zu ihnen. Eric denkt, dass sie sehr gut aussieht, sehr gepflegt, sehr gesund. Blowjoblippen, Tittten und Arsch, denkt er, an dieser Frau ist alles perfekt. Die Frau nimmt Sams Hand, sieht ihn fragend an. „Wer ist das, Sam?“, will sie wissen. „Mein Bruder“, sagt Sam. Die ganze Situation scheint ihm peinlich zu sein. Augenblicklich wirkt die Frau angespannt. „Hey, Eric,“ sagt sie dann, gibt sich keine Mühe Freundlichkeit vorzutäuschen. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns mal kennenlernen.“ Sie verschränkt die Arme, sieht ihn feindselig an. „Eric, das ist Cara“,  sagt Sam stolz, „meine Freundin. Sie studiert Medizin.“  
Eric sieht seinen kleinen Bruder erstaunt an, dann lächelt er misslungen. „Da lässt man dich mal sechs Jahre alleine, und du angelst dir direkt so 'ne heiße Schnalle“, sagt er. „Respekt, Mann.“ Cara scheinen seine Worte unangenehm zu sein, doch noch kann sie sich beherrschen. „Sam, ich war vorhin zu Hause“, sagt er dann. „Ma hat gesagt, sie will mich nicht mehr sehen.“ Sam schaut auf den Boden, während Cara schnaubt und sagt: „Na, was für ein Wunder. Ich wäre auch nicht scharf darauf, einen Mörder in meiner Wohnung zu haben.“ Da wird er wütend. „Was geht dich das an, he?“, fragt er aggressiv. „Was willst du von mir? Sam, sag deiner Alten, sie soll die Fresse halten.“  
Da ist Cara mit ihrer Geduld am Ende. Sie macht sich von Sams Hand los, baut sich vor ihn auf. Mit ihren hohen Absätzen ist sie so groß wie er. Im Gegensatz zu Alex hat sie keine Scheu, ihm in die Augen zu sehen. „Wir sind hier nicht in deinem Ghetto, Bruder“, sagt sie dann, betont das letzte Wort abfällig. „Sam hat mir gar nichts zu sagen. Ich bin eine freie Frau und ich mache und sage was ich will. So kannst du mit deinen Ghettoschlampen reden, aber nicht mit mir, klar?! Wir bewegen uns hier nämlich auf einer höheren Gesprächsebene, Bro. Wir sind alle gleichberechtigt, diskutieren miteinander und lassen uns ausreden, kapiert?“
Er wirft Cara einen irritierten Blick zu. Dann dreht er sich wieder zu seinem Bruder. „Tu' dir einen Gefallen und kick die Alte, Mann“, sagt er. „Die hat ja 'nen Vollschaden. Mit der wirst du versauern, Bruder.“ „Kicken?!“ Cara sieht ihn ungläubig an. Dann schaut sie zu ihrem Freund. „Kicken?! Kicken?! Sam, was meint der mit kicken?“ „Warte einen Moment hier“, sagt Sam. „Ich will mal ganz kurz mit meinem Bruder alleine reden.“  
Sie gehen ein paar Meter, dann fragt Sam: „Wo wirst du jetzt wohnen, Eric?“ „Ich weiß nicht“, sagt er, vergräbt die Hände in den Taschen. „Ich hab noch ein paar Kumpels in der Nähe. Vielleicht kann ich da erst mal bleiben, bis ich was Neues gefunden hab. Ich will mir’n Job suchen, 'ne tolle Frau und so. Nochmal von vorne anfangen.“
Sam schweigt kurz, dann sagt er: „Lex hat oft nach dir gefragt. Erinnerst du dich noch an sie? Ich wart zusammen als du…“ „Ja“, sagt er, denkt an die abgefreckte Frau zurück, die er getroffen hat. „Ich erinnere mich noch an sie.“ „Also“, sagt Sam, sieht ihn von der Seite an, „sie hat die ganzen Jahren über verdammt oft bei mir angerufen. Wollte wissen, wann du rauskommst und so. Ob es dir gut geht. Ich glaube, sie mag dich immer noch. Sie ist die einzige von früher, mit der ich noch längere Zeit Kontakt hatte.“ „Ja“, sagt er, kommt sich plötzlich in der Gegenwart seines eigenen Bruders, dieses eleganten und  gebildeten Mannes, unterlegen und falsch vor. Verdammt, er ist nicht mehr mein kleiner Bruder, denkt er. Wo ist der kleine Junge, der von mir lernen wollte, der mich bewundert hat, der gesagt hat, dass er so werden will wie ich? Er muss gehen, das merkt er plötzlich. „Ich muss jetzt gehen, Bruder“, sagt er. „Pass auf dich auf, Mann.“ „Ja“, sagt Sam, scheint über seinen Aufbruch fast etwas erleichtert zu sein, „und mach keine Scheiße mehr, ok?“ Er denkt, dass er seinen Bruder für immer verloren hat. Er denkt, dass sein Bruder früher oder später als Richterarschloch Jugendliche wie ihn verknacken wird. Er will ihm sagen, dass er wieder sein kleiner Bruder sein soll, doch stattdessen sagt er: „Ich bin stolz auf dich, Bruder.“ In diesem Moment meint er das sogar ernst. Da lächelt Sam und sagt: „Mach's gut und bleib sauber.“  
Er geht durch eine Straße, die ihm bekannt vorkommt Diese Straße gehörte mal zur Szene. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll, denkt, dass er alles verloren hat. „Hey,“ sagt auf einmal eine Stimme, die ihm vertraut vorkommt. Ihre Stimme. Er dreht sich zu ihr um. „Hast du deinen Bruder gefunden?“, fragt Alex und zündet sich eine Kippe an. „Ich habe keinen Bruder mehr“, sagt er tonlos. Sie sieht ihn erstaunt an. „Willst du eine?“ Alex hält ihm die Schachtel mit den Kippen hin. „Klar“, sagt er, mustert sie, denkt, dass sie zu dünn ist. Eine Weile rauchen sie schweigend, dann fragt er: „Wollen wir was essen gehen? Ich lade dich ein.“ „Warum sollte ich mit so 'nem Arschloch essen gehen?,“ fragt sie. „Weil...“ Er sucht nach Worten. „Weil ich nicht mehr der selbe Kerl wie damals bin. Die Jahre im Knast haben mich verändert. Ich würde dir gerne zeigen, dass ich mich verändert habe.“ Sie sieht ihn schweigend an. „Hast du im Moment 'nen Kerl?“, fragt er weiter. „Einen Kerl?“, erwidert sie. Da muss er lachen. Dann lächeln sie beide etwas schüchtern. „Ich mag dich immer noch, Eric“, sagt sie dann. „Ich sehe in dir mehr als nur den Mörder, das weißt du doch?“ Er will sagen, dass es kein Mord war. Aber stattdessen sagt er: „Also gehst du mit mir essen?“ Sie sieht etwas unschlüssig aus, dann sagt sie: „Also gut, gehen wir essen.“ Dann lächelt sie. „Ich habe dich vermisst“, sagt sie. Und da spürt er irgendwo in sich ein warmes Gefühl, das ihn zum Lächeln bringt. Er bekommt eine zweite Chance, hat nicht vor, diese zu vermasseln. „Ja“, sagt er und legt seinen Arm um sie. „Gehen wir essen.“  




 
Copyright 2018. Alle Rechte vorbehalten
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü