Leseprobe - Leosplace

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Romane > Die über Dornen gehen
Das Jahr des Ruhmes
„Hallo, ich bin Marianne. Ich könnte deiner Karriere ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Verdutzt  sieht Marquise auf eine blonde Frau hinunter, die nach dem Konzert  unaufgefordert in der Künstlergarderobe erschienen ist. Obwohl die  Person mit blondem Pagenschnitt und schwarzem Anzug einen ganzen Kopf  kleiner ist als sie, fühlt sie sich eingeschüchtert. Marianne hat eine  knabenhafte Figur, ist jedoch nicht gerade zierlich gebaut. Dennoch  könnte man sie attraktiv finden, wäre da nicht dieser eisige Blick, der  ihrem Gesicht einen unsympathischen, nahezu herrischen Ausdruck  verleiht. Herrisch ist auch ihre Stimme, hart, mit einem distanzierten,  kühlen Klang.

„Ein Manager ist wichtig. In  deinem Geschäft“, schwatzt die Fremde weiter, ohne auf Marquises  verwirrten Gesichtsausdruck zu reagieren. „Ich habe dir zugehört. Du  bist fantastisch. Dir fehlen lediglich Verbindungen, um den Weg nach  oben zu schaffen. Nun… die habe ich. Ich kann dafür sorgen, dass du die  richtigen Auftritte bekommst, dass deine Artikel in den richtigen  Zeitungen erscheinen, dass die ganz Großen auf dich aufmerksam werden.  Na, was sagst du?“ Marquise ist sprachlos. „Du brauchst noch keine  Entscheidung zu treffen“, fährt Marianne unbekümmert fort. „Nimm einfach  meine Karte. Du solltest mich anrufen, wenn du darüber nachgedacht  hast.“ Dann geht sie.

„Eine Managerin?“ Maxim  gefällt dieser Gedanke gar nicht. „Manager sind Aasgeier, die nur den  eigenen Profit sehen. Denen ist der Mensch egal.“ „Ich will mich  trotzdem bei ihr melden“, erwidert Marquise, die sich bereits  entschieden hat. „Vielleicht macht sie mich tatsächlich mit den  richtigen Leuten bekannt.“ Maxim ist verstimmt. „Bist du noch nie von  einem Profi angesprochen worden?“, fragt sie vorsichtig, bemerkt, wie er  augenblicklich in ein betroffenes Schweigen verfällt. „Nein“, gibt er  nach einer Weile zu. Das ist es also. „Du bist neidisch“, schlussfolgert  sie prompt. „Richtig?“ „Unsinn!“ Seine Stimme bekommt einen aggressiven  Unterton. „Ich würde dir alles gönnen. Das weißt du doch. Ich halte die  Sache nur für keine sonderlich gute Idee.“

„Ich  glaube, sie ist das Beste, was mir passieren konnte“, hält Marquise  dagegen. „Jeder Star hat einen Manager. Es wäre ein großer Schritt in  die richtige Richtung.“ „Du bist naiv, Marquise…“ Mit gekränkter Miene  verschränkt er die Arme. „Das Erste, was diese Managerin tun wird, ist,  alles aus dem Weg zu räumen, was zwischen dir und ihr steht. Und das bin  ich. Sie wird einen Keil zwischen uns treiben. Sie wird dich von  Konzert zu Konzert jagen. Wir werden uns voneinander entfernen.“ Jetzt  muss Marquise gegen ihren Willen lächeln. „Du machst dir Sorgen?“ „Ich  mache mir immer Sorgen, Marquise.“ Er zündet sich eine Zigarette an.  „Wenn du meinst, dass du es tun musst, dann ruf diese Frau an. Lass aber  nicht zu, dass sie dich total vereinnahmt.“

„Du  bist also zweiundzwanzig?“ „Ja.“ Marquise ist in Mariannes Büro. Die  Möbel sind schwarz, elegant, haben zweifellos einen Stil, der zu ihr  passt. „Single?“ „Nein.“ Die Managerin verzieht keine Miene, während sie  mit wichtigtuerischen Gesten eine vor ihr liegende Liste abarbeitet.  „Wohnst du alleine?“ „Nein. Bei meinem Freund.“ „Hm.“ Ihr Kugelschreiber  bewegt sich rasend schnell über das Papier. „Ist sie groß? Die  Wohnung?“ „Nein“, sagt Marquise wieder. „Dann müssen wir etwas  Angemessenes finden.“ Marianne sieht nicht von ihrem Papier auf. „Was  macht er? Dein Partner?“ „Er ist Geiger“, antwortet sie stolz, „ein  fantastischer Solist…“ „Wirklich?“ Die blonde Frau wird hellhörig. „Wie  heißt er?“ „Maxim.“ „Weiter?“ „Romanov.“ „Das sagt mir leider gar  nichts.“ Marianne wirkt ernüchtert, wendet sich wieder ihrer Arbeit zu.

„Du  bist Schülerin von Clarice Chevalier?“ „Ja.“ „Nun, das sind gute  Voraussetzungen.“ Mariannes Mund verzieht sich zu einem kalten Lächeln.  „Chevalier war früher selbst mal ziemlich groß im Geschäft. Es wundert  mich nicht, dass sie dich unterrichtet. Du hast Gold in der Kehle,  Marquise.“ Dann wird sie ernst. „Ich will dir keine Illusionen machen…  Dir muss bewusst sein, dass dein Leben ab jetzt nicht leichter wird.  Verstehst du?“ „Ja“, erwidert Marquise einsichtig, während sie mit  ungutem Gefühl an das Gespräch mit Maxim zurückdenkt. „Du wirst mehr tun  müssen, wirst dich noch mehr anstrengen müssen.“

„Ich  werde mein Bestes geben.“ Marquises Fingerspitzen trommeln nervös auf  die Tischplatte. „Ja wirklich, ich kann sehr streng mit mir sein. Ich  habe Disziplin.“ „Gut“, Marianne legt ihren Kugelschreiber zur Seite,  sieht ihr direkt ins Gesicht. „Du kannst es schaffen. Sonst wärest du  nicht hier. Es wird jedoch nicht ohne Opfer gehen. Der Weg zum Ruhm ist  nun mal ein Weg voller Qualen.“ „Ich weiß.“ Trotz der rosigen  Zukunftsaussichten bemerkt Marquise einen Kloß im Hals, überlegt, ob  nicht alles zu schnell geht. „Gut“, schließt Marianne zufrieden, „das  hier musst du ausfüllen. Ich werde mich in den nächsten Tagen bei dir  melden.“

Marquise Montiniere, der Paradiesvogel Englands

Gebannt  verfolgt Maxim die Schlagzeile über dem Bild seiner Liebsten. Marquise  sieht entzückend aus in ihrem roten Kleid. Gianni hat Geschmack, denkt  er. Das muss man ihm lassen. Rot ist ihre Farbe. Londons neues Gesicht,  liest er. Im Artikel darunter: Marquise Montiniere heißt die junge  Sängerin, die schon bald die Opernbühnen Englands ihr Eigen nennen darf.  Sie überzeugt nicht nur mit ihrer dramatischen, einfühlsamen Stimme,  sondern auch mit ihrer Schönheit… Schönheit? Er legt die Zeitung  beiseite. Etwas in ihm sträubt sich dagegen, Marquises Ruhm so einfach  hinzunehmen. Schönheit? Was erlaubt sich dieser Schmierfink? Der Text  ist doch ganz sicher von einem Mann geschrieben… Er greift erneut nach  der Zeitung, wirft einen Blick auf den Verfasser. Ja, natürlich.

Obwohl  ihm bewusst ist, dass er nicht der Einzige ist, dem Marquise gefällt,  will er nicht, dass demnächst unzählige, schmachtende Reporter lüsterne  Artikel über seine Partnerin schreiben. Ob das immer so ist, wenn eine  Sängerin berühmt wird?, überlegt er. Sicher. Und das wird sie nun mal.  Berühmt. Marquise hat in ihren letzten Rollen brilliert. Zweifellos.  Eine Stimme, hat die Presse zutreffend gejubelt, wie dunkler, süßer  Honig. Maxim seufzt, steht auf, nimmt seine Geige in die Hand. Nein, er  wird sich nicht aufregen. Marquise hat gerade eine Glückssträhne, und er  wird sich selbstverständlich für sie freuen.

„Weißt  du noch, Cecilia“, sagt er, sieht seine Geige melancholisch an, „wie es  früher war? Du warst die einzige Frau in meinem Leben. Natürlich gab es  da noch die ein oder andere… Doch die konnten nicht mithalten. Nicht  mit dir. Das hat sich geändert, Cecilia. Jetzt bist du nur noch Nummer  zwei. Nicht deshalb, weil du all die Jahre keine vortreffliche Partnerin  gewesen wärest… Du warst geduldig… Kein bisschen zickig… Es ist nur so,  dass ich mit dir weder reden noch streiten kann. Verstehst du das? Mit  Marquise schon. Ich bin ihr verfallen. Sie hat mein Leben um so viel  bereichert…“

Er hält inne, denkt an den Moment  zurück, als Marquise ihre Gefühle offenbart hat. In diesem Moment ist  etwas in ihm erwacht. Etwas, dass er nun nicht mehr missen will. „Sie  entgleitet mir, Cecilia“, klagt er. „Ich weiß nicht, ob ich sie halten  kann. Sie wird mir über den Kopf wachsen. Dauernd ist sie fort. Ich habe  keine Ahnung, wo sie gerade steckt. Was soll ich…“ Maxim unterbricht  sich abrupt. Die Lösung scheint urplötzlich auf der Hand zu liegen. Auch  er wird sich um seine Karriere kümmern, seine Ziele von früher  verfolgen. Was Marquise kann, kann er schließlich auch.

Marianne  ist, wie Maxim ein paar Monate später neidlos anerkennen muss,  Meisterin ihres Fachs. Marquises Stimme ist gefragter denn je. Die  Kulturblätter sprechen von nichts Anderem mehr. Seine eigene Kariere  läuft dagegen eher schlecht als recht. Er hat ein paar exzellente  Konzerte gegeben, ja. Die Reihen sind jedoch nicht voll besetzt gewesen.  Nüchtern betrachtet ist er nicht mehr so jung wie Marquise, doch auch  nicht zu alt, um ein Star der klassischen Musik zu werden. Er ist erst  knapp über dreißig, steht seiner Freundin weder im Können noch in der  Bühnenpräsenz nach.

Es ist wieder mal tief in  der Nacht, als Maxim wach im Bett liegt, neben ihm Marquise, die fest  schläft. Der Gedanke, ein Versager zu sein, treibt ihn um. Was ist der  Unterschied zwischen ihm und seiner Freundin? Warum können sie nicht  beide erfolgreich sein? Ist es ein Naturgesetz, dass immer nur einer  nach oben kommt? Marquise hat bereits gemerkt, dass irgendwas nicht  stimmt, hat sich große Mühe gegeben herauszufinden, was es ist. Doch er  hat es nicht gesagt. Mal wieder nicht. Zu groß ist die Angst gewesen,  nicht richtig verstanden zu werden.

Natürlich  ist er stolz auf sie und ihre Karriere… Trotzdem will er nicht ständig  in ihrem Schatten stehen. Warum hat sie es geschafft? Am Talent alleine  kann es nicht liegen… Woran sonst? Mit einem Mal fällt es ihm wie  Schuppen von den Augen. Marianne. Natürlich. Sie ist die treibende Kraft  hinter alledem. Ihr hat Marquise viel zu verdanken. Auch wenn Maxim  professionelle Manager für sich bisher abgelehnt hat, sein Schicksal  nicht in die Hand eines Fremden legen wollte, so muss er doch einsehen,  dass dies ein entscheidender Punkt ist. Die Agentur. Vielleicht, so  überlegt er, ist dieser Schritt unausweichlich.

Maxim  betrachtet Marquise. Ihr Atem geht langsam und gleichmäßig. Auch  schlafend und ungeschminkt ist sie noch wunderschön. Ich bin ein  Glückspilz, denkt er, lächelt, streicht ihr vorsichtig über das Haar.  Direkt morgen würde er es tun. Sich einen Manager suchen. Auch wenn ihm  nicht wohl bei dem Gedanken ist.

„Hast du schon  davon gehört?" „Was?“, irritiert sieht Marianne von ihrem Computer auf.  „Dass Maxim jetzt auch einen Manager hat?" „Ja.“ Sie wendet sich erneut  dem Bildschirm zu. „Es ist David, ein Kollege von mir. Völlig unfähig,  wenn du mich fragst. Mach dir keine Gedanken." „Warum sollte ich mir  Gedanken machen?" Verständnislos sieht Marquise sie an. „Na, weil du  völlig aufgewühlt bist.“ Marianne klingt genervt. „Sonst wärest du jetzt  wohl nicht hier. Du machst dir Gedanken darüber, dass Maxim bekannter  werden könnte als du. Das wird er nicht. Nicht mit David. Also brauchst  du nicht weiter darüber nachzudenken."

„Ich  mache mir keine Gedanken…“, murmelt Marquise, setzt sich auf einen Stuhl  vor Mariannes Tisch. „Ich verstehe nur nicht, warum er das jetzt doch  tut. Er hat immer gesagt, er will das alleine schaffen. Ohne Manager.  Ich weiß noch, was für einen Aufstand er gemacht hat, als ich zu dir  gegangen bin…" „Er ist ein Mann, Marquise.“ Mariannes Finger hämmern im  Akkord auf die Tastatur. Eine leichte Bissigkeit liegt in ihren Worten.  „Wenn ich dir eines über Männer sagen kann, dann das: Sie vertragen es  nicht, wenn die Frau überlegen ist. Deswegen habe ich keinen."

Als  sie nach einer Weile aufblickt und bemerkt, dass Marquise sich immer  noch Sorgen macht, wird sie wütend. „Herrje, jetzt geh schon! Kümmere  dich um deine Stimme!“, faucht sie. „Halte mich hier nicht auf. Ich  plane deine Tournee. Das ist viel Arbeit, klar? Singe oder was du sonst  so tust, aber geh!" Auch wenn Marquise den harten Ton ihrer Managerin  gewohnt ist, zuckt sie unwillkürlich zusammen. „Es ist nicht so, wie du  denkst“, entgegnet sie vorsichtig, versucht sich klarer auszudrücken.  „Ich habe das Gefühl, dass wir uns entfremden.“ „Und wenn…“, erwidert  Marianne geistesabwesend.

„Marianne, ich…",  unternimmt Marquise einen letzten Versuch, ihre Bedenken loszuwerden,  doch die Managerin fährt ihr hart über den Mund. „Verdammt, Marquise! Er  ist doch nur ein Mann! Männer sind ersetzbar. Eine Karriere nicht. Wenn  du jetzt keine Opfer bringst, ist der Zug abgefahren. Schon vergessen?  Willst du nun eine Karriere oder nicht?" Marquise schluckt mühsam, wirkt  hin- und hergerissen. „Ja“, flüstert sie dann. „Schon.“ „Gut“,  Mariannes Stimme wird noch kühler als sonst. „Dann darfst du es Maxim  wohl nicht verübeln, dass er auch eine will. Und jetzt geh endlich, in  Dreiteufelsnamen."

Maxim Romanov - Gefühl ist alles

Ein Interview mit dem Newcomer des Jahres
Von unserem Reporter James Gardner

James:

Maxim, wären Sie zu einem kurzen Interview bereit?

Maxim:

Natürlich.

James:

Sie  gelten als der aufsteigende Stern der Klassikszene. Und das, obwohl vor  einem Jahr noch fast niemand Ihren Namen kannte. Wie kam es dazu?

Maxim:

Vieles verdanke ich meinem Manager. David. Er hat mir dabei geholfen. Ohne ihn, wäre ich heute nicht hier.

James:

Die Kritiker loben insbesondere ihre gefühlsvolle Spielweise…

Maxim:

Glücklicherweise. Gefühl ist das Wichtigste in der Musik.

James:

Sind Sie denn ein gefühlvoller Mensch, Maxim?

Maxim:

Ich denke schon.

James:

Sie denken?

Maxim:

Fragen Sie mein Umfeld. (grinst)

James:

Ihre Freundin, Marquise Montiniere?

Maxim:

Sie kann das am besten beurteilen. Sie muss es schließlich mit mir aushalten. (lacht)

James:

Was halten Sie von dem Spitznamen, den die Presse Ihnen Beiden verpasst hat?

Maxim:

Maxquise? Das finde ich wirklich reizend. (lacht wieder) Klingt ein wenig wie exquisit.

James:

Würden Sie ihre Beziehung so bezeichnen?

Maxim:

Marquise ist mein ganzes Glück. (ernst)

James:

Ist es denn nicht schwierig, jetzt, wo Sie beide so erfolgreich sind?

Maxim:

Sicher  ist es nicht immer einfach. Wir haben beide viel zu tun. Sind oft  unterwegs. Doch das sollte kein Hindernis sein. Oder? Für die Liebe des  Lebens?

James:

Und das ist sie?

Maxim:

Das  ist sie. Marquise ist die Einzige für mich. Abgesehen von meiner Geige  natürlich. Die wird auch immer einen Platz in meinem Herzen haben.

James:

Cecilia, richtig? Wie beschreiben Sie die Beziehung zu Ihrer Geige?

Maxim:

Es gab dieses Band zwischen uns. Von Anfang an. Genau wie bei Marquise.


Aufgebracht  schlägt Marianne die Zeitung zu. „Verdammter Scheißkerl!" „Was hast  du?“ Marquise sieht sie fragend an. „Das hört sich doch ziemlich gut an.  Maxim hat es endlich geschafft. Ich freue mich für ihn. Jetzt sind wir  beide im Rampenlicht. Wer hätte gedacht, dass es so kommt. Seit neuestem  haben wir sogar einen eigenen Namen…" „Ich meine nicht Maxim. Ich meine  David!" Marianne ist rot vor Zorn. „David hat noch nie was zustande  gebracht. Doch jetzt sieht es ganz so aus, als ob auch er mal die  richtige Strategie angewendet hätte. Jetzt haben wir beide einen  Newcomer hervorgebracht, was heißt, dass sein Standing deutlich besser  geworden ist. Er wird künftig eine ernstzunehmende Konkurrenz sein."

Marquise  lacht über ihre Befürchtungen. „Für mich ist es jetzt viel einfacher.  Es scheint so, als ob David alle Probleme aus dem Weg geräumt hätte."  „Ach, Schätzchen.“ Marianne schüttelt missbilligend den Kopf. „Du bist  so naiv. Eure Probleme werden bald erst richtig anfangen." „Wie meinst  du das?“ hakt Marquise nach. „Ich meine gar nichts.“ Marianne, die keine  Lust auf eine weitere Maxim-Diskussion hat, macht einen Rückzieher. „Du  hast Recht. Alles ist wunderbar so, wie es ist." „Warum belügst du  mich?" Marquise weiß, dass sie nicht ehrlich ist. „Weil du es nicht  verstehen würdest“, erwidert Marianne, während sie aufsteht, um die  Zeitung auf dem Couchtisch abzulegen.

„Eine  schöne Suite übrigens“; stellt sie im Vorbeigehen fest. „Sehr  geschmackvoll. Sicher war sie sündhaft teuer." „Versuche nicht, meiner  Frage auszuweichen!", beharrt Marquise verärgert. Marianne zündet sich  eine Zigarette an, sieht ihr fest in die Augen. „Früher oder später  wirst du verstehen, was ich meine… Wenn ihr beide erst einmal erfahren  habt, was es heißt, ganz oben im Showbiz zu sein… Wenn überall  Verlockungen winken…" Marianne wendet sich zum Gehen. „Die roten  Vorhänge sind geschmacklos“, erwähnt sie noch, bevor sie durch die Tür  verschwindet. „Ihr solltet sie ersetzen!"

François  staunt nicht schlecht, als Maxim vor seiner Tür steht. „Hallo Maxim“,  grüßt er verwirrt. „Kann ich dir helfen…?" Ihm ist durchaus bewusst,  dass sie noch nie unter vier Augen miteinander geredet haben. „Darf ich  reinkommen?“ Maxim wirkt nervös. „Aber sicher.“ François lässt ihn  vorbei. „Dann mal los. Hier ist mein Atelier. Mein Königreich,  sozusagen."

Dass es nach Farbe riecht, ist das  Erste, was Maxim feststellt. Das Zweite, was ihm auffällt, ist die  altmodische Einrichtung. Alte, abgewetzte Möbel geben dem Raum ein  antikes Flair. Diffus fällt das Licht durch ein riesiges Fenster in der  Decke. Wahrscheinlich muss es so sein, denkt Maxim. Es ist ein Atelier.  An den Wänden stehen Staffeleien mit halbfertigen Kunstwerken. Ein paar  von ihnen gefallen Maxim. Aber nur ein paar. Alle anderen findet er  gruselig. Mit verzerrten, grotesken Fratzen kann er nichts angefangen.  Ob man so was überhaupt Kunst nennen darf? Er ist sich nicht sicher.

Obwohl  er gerne darüber diskutiert hätte, beschließt er, diese Frage lieber  nicht zu stellen, will Marquises besten Freund auf gar keinen Fall  verärgern. Außerdem hat er großen Respekt vor dem Maler. Trotz der  Ablehnung durch die Gesellschaft ist er seinen Weg gegangen. Soviel  Kampfgeist ist bewundernswert. Zweifellos. Maxim geht zu einem der  samtartig bespannten Sofas, setzt sich und sieht sich um. Je länger er  hier ist, desto eher kann er verstehen, dass dieser Ort für Marquise von  großer Bedeutung ist. Natürlich. Hier scheint die Zeit still zu stehen.  Hier kann man sich und die Welt da draußen vergessen.

François  setzt sich ihm gegenüber, sieht ihn fragend an. „Was verschafft mir die  Ehre, Maxim?" „Du bist ein wichtiger Mensch in Marquises Leben. Sehr  wichtig“, versucht Maxim zu erklären, „und ich habe bisher kaum ein Wort  mit dir geredet. Das ist nicht richtig. Das ist so, als würde ich kein  Interesse an ihrem Leben zeigen, als würde es mich nicht interessieren,  mit wem sie sich trifft. Das ist nicht so.“ François legt den Kopf  schief. Auf den Pressebildern sieht Maxim nicht halb so gut aus wie in  Wirklichkeit. „Wow, das…“ Krampfhaft versucht er diesen Gedanken wieder  zu verdrängen.

„Wer hätte damit gerechnet? Dass  du einmal hier sein würdest?", sagt er schnell, ist froh, dass Maxim  nichts gemerkt hat. „Was bist du für ein Mensch, François?“, fragt der  unbekümmert, während er den fremden Mann ihm gegenüber unentwegt  beobachtet. „Ich will wissen, was Marquise seit Jahren hierherzieht."  „Marquise ist der einzige Mensch, der mich versteht“, erwidert François  ruhig, zündet sich eine Zigarette an. „Auch eine?" „Ja, bitte", erwidert  Maxim verwirrt. „Und ich verstehe sie. Alles.“ Die beiden rauchen eine  Weile schweigend, bis François fortfährt.

„Im  Grunde kann ich Frauen nicht ausstehen. Sie erinnern mich an meine  Mutter. Schon deswegen gehe ich ihnen aus dem Weg. Bei Marquise ist das  anders. Ich fand sie in dieser Bar… Es ist schon lange her… Sie war  stockbetrunken, ganz allein. Ich sah sie am Tresen liegen, wie einen  jungen Vogel, der gerade erst flügge geworden ist, der mit den Gefahren  dieser Welt noch nicht vertraut ist. Ich konnte sie dort nicht  liegenlassen. Es war zu gefährlich. Früher oder später hätte jemand  diesem wehrlosen Ding etwas angetan. Also schleppte ich sie hierher.“ Er  macht eine ausschweifende Geste mit der Hand. „In mein Atelier."

Maxim  glaubt, nicht recht gehört zu haben. Marquise? Besinnungslos betrunken  in einer Bar? Unwillkürlich muss er grinsen. Kein Wunder, dass sie ihm  diesen Teil der Geschichte verschwiegen hat. „Und dann?“, fragt er  neugierig weiter, will unbedingt noch ein paar Details erfahren. „Sie  kotzte auf den Bürgersteig, schlief danach ein paar Stunden hier. Am  nächsten Morgen brachte ich sie nach Hause. Da wusste sie endlich  wieder, wo sie wohnte.“ François schmunzelt. „Ich habe sie nie wieder so  gesehen wie an jenem Abend. Es war ein einmaliger Ausrutscher." „Das  glaube ich auch“, stimmt Maxim zu.

„Sie kam am  nächsten Tag wieder“, erzählt der Maler weiter, „um sich zu bedanken.  Ich schenkte ihr reinen Wein ein, erklärte, was ich bin, in der  Hoffnung, es würde sie abschrecken. Als sie später ging, dachte ich, ich  würde sie niemals wiedersehen. Doch so war es nicht. Schon am Tag  darauf stand sie wieder vor der Tür. Anfangs sah es so aus, als täte sie  es aus Pflichtgefühl. Doch irgendwann merkte ich, dass sie kam, weil  sie mich mochte." „Ja“, erwidert Maxim. „Sie mag dich wirklich.“

„Marquise  versteht mich“, wiederholt François. „Sie sieht die Menschen, wie sie  wirklich sind. Sie sieht auch den Menschen, der ich wirklich bin. Bei  ihr brauche ich mich nicht zu verstellen, kann einfach ich selber sein.  Deshalb brauche ich sie. Um mich selbst zu spüren. Aber ich begehre sie  nicht, verstehst du. Sie braucht also keine Angst davor zu haben, dass  ich sie früher oder später bedränge.“ Er macht eine Pause.  „Gesellschaftlich betrachtet sind wir Randfiguren: Ich fühle mich  falsch, sie fühlt sich nur wegen ihres Aussehens begehrt, nicht  verstanden."

„Wenn das so ist…“ Maxim wirkt  erleichtert. „Jetzt kann ich euch verstehen…" Er weiß nicht mehr, warum  ihm diese Beziehung insgeheim Sorgen gemacht hat. Offensichtlich tut  Marquise die Freundschaft zu dem Maler gut. Er ist für sie da, denkt  Maxim, wenn ich keine Zeit habe. Das ist eine Erleichterung. Außerdem  findet er nur an Männern Gefallen, sodass ich mir auch in dieser  Hinsicht keine Sorgen machen muss. „Ich finde es gut, dass sie sich mit  dir trifft“, sagt er laut. „Marquise braucht jemanden wie dich.  Jemanden, der sie nicht verletzen wird."

„Was  gibt es außerdem?“, fragt François, der schon vermutet, dass Maxim ihm  noch mehr zu sagen hat. „Ich liebe Marquise“, erklärt der freimütig,  drückt seine Zigarette aus. „Ich liebe sie wirklich. Sie ist die Frau,  die ich heiraten will. Schon bald.“ Nervös zündet er sich eine neue an,  fährt erstaunlich entschlossen fort: „Ja, ich will sie wirklich  heiraten. Deshalb wird es Zeit, ihren besten Freund kennenzulernen. Und  ihre Familie. Meiner Familie muss ich sie auch noch vorstellen. Ich  möchte, dass es ernster wird."

„Ich freue mich  für euch, aber...“ François sieht ihn nachdenklich an. „Du hast sehr  viel Macht über sie, weißt du das? Versaue es nicht!“ „Macht?“ Maxim ist  verwirrt. „Wie meinst du das?" „Für sie bist du alles, Maxim“, erwidert  François. „Mal abgesehen vom Singen. Sie wollte immer nur dich. Ihr  Glück ist somit vollkommen. Gleichzeitig ist ihre Welt zerbrechlich  geworden. Durch dich ist sie verwundbar geworden. Du bist ihre einzige  Schwachstelle. Eine unüberlegte Handlung wird ihr Ende sein."

„Ich  habe nicht vor, ihr Ende zu sein.“ Maxim ist erschrocken. „Was denkst  du von mir?" „Ich will dir eine Warnung mit auf den Weg geben.“ François  sieht ihn eindringlich an. „Du musst wissen, worauf du dich einlässt.  Ich bin bereit, dir meinen kleinen Vogel anzuvertrauen, wenn du  versprichst, ihn nicht zu verletzen." „Natürlich verspreche ich das“,  sagt Maxim aufrichtig. „Um nichts in der Welt will ich Marquise  verletzen." „Entscheidend ist nicht, was du willst, Maxim“, entgegnet  François mit Nachdruck. „Entscheidend ist, was du tust."

„Wie  läuft es bei dir und Maxim, chérie?" will François wissen. „Wie sonst  auch“, erwidert Marquise, schenkt sich ein Glas Wein ein. „Warum fragst  du?" „Er war hier!" „Was?“ Sie kann das nicht glauben, wirkt unsicher.  „Warum war er hier? Bisher hat er dein Atelier gemieden wie der Teufel  das Weihwasser. Immer wenn ich ihn gefragt habe, ob er mitkommen will,  hat er abgelehnt. Ich dachte schon, es wäre was Persönliches… Also warum  war er hier?" „Er wollte mich kennenlernen, wissen, warum wir  befreundet sind.“ François lächelt, als er den Rubinanhänger an ihrem  Hals entdeckt. „Warum interessiert ihn das plötzlich?“ Marquise ist  verwirrt.

„Er sagte, dass es bei euch ernster  würde… und er sich deswegen mit deinem Umfeld beschäftigen sollte. Du  auch mit seinem. Da das ja so üblich wäre, wenn es… na du weißt schon…  auf den letzten Schritt zugeht." François beobachtet sie genau, ist  neugierig auf ihre Reaktion. „Das ist… ich bin überwältigt.“ Ein seliges  Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. „Marquise Romanov… wie  klingt das?" „Na so, als ob eine Französin einen Russen heiratet“,  grinst François. Dann wird er sachlich: „Hast du mit Marianne darüber  geredet? Rechnet sie mit diesem Schritt? Weißt du, wie sie darüber  denkt?“ „Du hast Recht“, erwidert Marquise nachdenklich. „Gleich morgen  werde ich bei ihr vorbeigehen."

„Heiraten?!“  Marianne ist entsetzt, bringt das Wort nur verächtlich heraus. „Warum  das denn? Es gibt doch gar keinen Grund." „Wir lieben uns!" „Ach, wie  süß!“ Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Du klingst wie ein  hormonverseuchter Teenager!" „Was hast du gegen eine Heirat? Warum regst  du dich so auf?“, will Marquise wissen. „Sieh es doch mal so: Wenn wir  heiraten, wird es positive Schlagzeilen geben. Wir werden auf jedem  Cover zu sehen sein. Außerdem werden unsere Fans endlich eine  Traumhochzeit bekommen, über die sie noch jahrelang reden können. Das  ist doch großartig!"

„Morgen, Marianne!" Wie  bestellt erscheint David im Wohnzimmer, beendet damit die Diskussion.  „Ich sehe, du bist auch schon hier.“ „Ich sehe, dass du deine Krawatte  immer noch nicht richtig binden kannst“, entgegnet Marianne kühl. David  lächelt überlegen. „Es ist so schön, dich näher kennengelernt zu haben“,  erwidert er. „Anderenfalls wäre mir nie aufgefallen, was für eine  liebenswürdige Person du bist." Dann geht er zielstrebig an ihnen vorbei  in Maxims Arbeitszimmer, aus dem schon den ganzen Tag Geigentöne zu  hören sind.

„Warum kannst du ihn nicht in Ruhe  lassen?“ Marquise hasst unterschwellige Spannungen. „Du hattest genug  Zeit, dich an ihn zu gewöhnen!" „Wir sind Konkurrenten. Schon  vergessen?", erklärt Marianne bissig. „Und so, wie es aussieht, werde  ich ihn nie mehr los.“ Die Managerin seufzt theatralisch. „Aber bitte…  Wenn du mir das antun willst…" „Du bist also einverstanden?“ Marquise  grinst. „Das heißt es nicht, es heißt nur…“ Marianne sucht krampfhaft  nach den richtigen Worten. „…Tu, was du nicht lassen kannst! Du wirst  schon sehen, was du davon hast. Verheiratete Frauen werden unglücklich  und fett! Jammer also nicht rum, wenn du es später auch bist!" Dann  rauscht sie aus der Wohnung.

Jack Rumor:

Marquise Montiniere? Wären Sie zu einem kurzen Interview bereit?

Marquise (gestresst):

Wenn Sie sich beeilen.

Jack Rumor:

Sie wirken gestresst.

Marquise:

Es ist nicht einfach, plötzlich gefragt zu sein. Ich muss mich erst daran gewöhnen.

Jack Rumor:

Sie sind sehr gefragt. Wie geht Maxim damit um?

Marquise:

Maxim hat seine eigene Karriere. Er weiß, wie schwer es im Showbusiness sein kann.

Jack Rumor:

Sie weichen meiner Frage aus.

Marquise:

Wie ich schon sagte, er versteht es.

Jack Rumor:

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Maxim bezeichnen?

Marquise:

Als eine perfekte Symbiose.

Jack Rumor:

Klingt, als liefe bei Ihnen alles rund.

Marquise:

Ja. Wir werden bald heiraten.

„Das  hast du in einem Interview gesagt?!“ Marianne ist entsetzt. „Du nimmst  ein lausiges Interview, um das zu verkünden?" „Es ist mir  rausgerutscht“, erwidert Marquise leise, ist sich durchaus klar darüber,  dass sie einen Fehler gemacht hat. „Er hat mich fürchterlich genervt,  mich in die Enge gedrängt." „Und als Dank gibst du ihm die Story des  Jahres?“ Marianne kann über so viel Dummheit nur den Kopf schütteln. „Es  tut mir leid“, beteuert Marquise. „Ich wollte den Fernsehauftritt  abwarten. Ehrlich. Es tut mir Leid, ok?" Sie stützt den Kopf in die  Hände, wirkt kraftlos. „Es ist zu viel, Marianne“, sagt sie dann. „Es  sind zu viele Termine, zu viele Auftritte, zu viele Menschen um mich  herum…“

„Du siehst das falsch“, erwidert  Marianne kalt. „Du bist jetzt ein Star. Du brauchst die Termine, die  Auftritte und die Menschen um dich herum. Die Bühne ist dein Zuhause.  Klar?! Das wolltest du doch, oder?“ Sie kommt Marquise unangenehm nahe.  „Inzwischen bist so weit nach oben geklettert, dass es nur noch zwei  Möglichkeiten gibt: Du kannst dich zusammenreißen, die Spitze erklimmen…  oder dich fallenlassen. Dabei solltest du jedoch bedenken, dass der  Fall nach unten frei ist, Marquise. Er wird wehtun. Sehr weh. Davon  wirst du dich nie mehr erholen."

„Du verstehst  mich nicht.“ Marquise presst den Handrücken gegen ihre Stirn, als habe  sie Migräne. „Maxim ist unterwegs. Ich halte das nicht mehr aus. Ich  brauche ihn, sehe ihn aber kaum noch. Das macht mich fertig." „Reiß dich  zusammen, Herrgott!“, schnauzt Marianne, packt sie hart an der  Schulter. „Würde Maxim sowas für dich tun? Sich fallenlassen, nur damit  ihr euch öfter sehen könnt?" Marquise bleibt stumm. „Einen Dreck würde  er tun“, zischt Marianne. „Also hör auf dich selbst zu bemitleiden."  Dann geht sie, während die Diva hinter ihrem Rücken leise zu schluchzen  beginnt.

„Maxim Romanov?" „Ja?" Verwirrt sieht  Maxim sich um. Irgendwoher kennt er die blonde Frau, weiß aber nicht,  woher. „Ich habe dich spielen gehört“, sagt sie. „Du bist fantastisch.  Doch das wusste ich ja schon. Ich habe dir auch früher schon gerne  zugehört…" Sie ist groß gewachsen, hat die Beine eines Mannequins,  langes glattes Haar und ein schmales Gesicht. äußerlich ist sie  attraktiv, bis auf ihre Augen. Die gefallen Maxim nicht. Ein helles  Blau, ganz anders als die warmen, braunen Augen von Marquise.  „Verzeihung, kennen wir uns?“, fragt er. „Ich kann mich nicht mehr  erinnern!“

„Lucinda Williams.“ Sie reicht ihm  ihre Hand mit langen filigranen Fingern, die zu ihrem Gesicht passen.  „Die Tochter von Albert Williams." Der Name Williams sagt Maxim  tatsächlich etwas. Albert Williams, Multimillionär, Gründer der  Williamsbank, wohnhaft in London. Doch woher sollten Lucinda und er sich  kennen? „Ich habe an der gleichen Akademie studiert wie du.  Kulturwissenschaften“, fährt Lucinda fort, beantwortet damit seine  Frage. „Du hast regelmäßig im großen Saal gespielt. Ich habe deine Musik  schon damals bewundert… Ich wusste schon damals, dass du es schaffen  würdest.“

Deshalb kam sie ihm also bekannt vor.  Offensichtlich hat sie ihn schon früher aus der Ferne bewundert. Maxim  fühlt sich geschmeichelt. „Du bist extra hierhergekommen, um mir  zuzuhören?“, will er wissen. „Nicht nur“, erwidert sie, sichtlich  begeistert mit ihm zu sprechen. „Ich wollte dich sehen." „Mich sehen?“  Das Gespräch geht in die falsche Richtung, denkt Maxim. Ihm wird unwohl.  Bewunderinnen wie sie sind schön und gut, solange sie ihm nicht auf die  Pelle rücken. Diese hier trägt jedoch ein viel zu tiefes Dekolleté für  einen harmlosen Fan.

„Maxim… Ich würde mich  wahnsinnig gerne ein wenig mit dir unterhalten“, fährt Lucinda fort.  „Mich interessiert, was du in den letzten Jahren gemacht hast, was du  tun musstest, um es zu schaffen…" „Ach ja?“ Eigentlich hat er keine Lust  mit ihr zu reden. Andererseits ist sie den weiten Weg hierhergereist,  um ihn zu hören. Oder zu sehen. Oder beides. Hat sie sich damit nicht  wenigstens ein Gespräch verdient? „Na schön“, gibt er schließlich nach,  „von mir aus." Ein strahlendes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht,  erreicht die Augen aber nicht. „Wunderbar. Ich kenne ein nettes Lokal  gleich hier um die Ecke.“

Lucinda bestellt  einen Wodka. Für beide. „Ich nehme an, du hast nichts dagegen“, sagt sie  dann. „Ich meine, du bist Russe. Wodka ist doch euer Nationalgetränk."  „Sicher“, erwidert er nur, wartet darauf, dass sie endlich anfängt. Das  tut sie auch. „Damals an der Akademie“, beginnt sie, während sie  schwärmerisch an die alten Zeiten zurückdenkt, „warst du der Held. Alle  Frauen waren in dich verliebt. Heimlich natürlich. Wahrscheinlich  wusstest du das nicht mal." Maxim genießt ihre Schmeicheleien, obwohl  seine innere Stimme ihn zur Achtung ruft. „Ach wirklich. Und heute?"  „Einige sind es immer noch“, verrät Lucinda mit geröteten Wangen.

Der  Wodka kommt. Eine Weile trinken sie schweigend. Dann fragt Maxim  neugierig: „Hast du früher auch für mich geschwärmt, Lucinda?" Sie sieht  ihm tief in die Augen. „Ich tue es heute noch." Sowas hat er bereits  geahnt. „Wie kann es sein, dass du mir nie aufgefallen bist?“, fragt er  deshalb, betrachtet sie genauer. „Du bist eine attraktive Frau.“ Lucinda  verzieht den Mund. „Da war diese Kleine, ein paar Jahre jünger als ich.  Du konntest die Augen nicht von ihr lassen.“ „Meinst du Marquise?“  Maxim zündet sich eine Zigarette an. „Ja… Du hast dich mit ihr verlobt?“  Eine leichte Bitterkeit liegt in ihrem Worten. „Ja“, seufzt Maxim. „Ja  das ist wahr.“

„Du wirkst nicht besonders  glücklich“, erwidert sie, legt behutsam eine Hand auf seinen Arm. Obwohl  er es nicht will, lässt er sie gewähren. „Wir haben beide unsere  Karriere“, erklärt er unnötigerweise. „Das ist nicht einfach… Ich liebe  Marquise. Zurzeit sehen wir uns jedoch kaum. Im Leben gibt es nun mal  Höhen und Tiefen.“ „Im Moment sind es wohl eher Tiefen“, schlussfolgert  die blonde Frau, gibt ihm noch einen Wodka aus. Er trinkt bereitwillig.  „Ja.“ Maxim merkt, dass der Alkohol wirkt. „Ja, das kann schon sein.“

„Vielleicht  ist sie nicht die Richtige für dich“, überlegt Lucinda laut, während  ihre Finger von seinem Arm zu seiner Hand wandern, wo sie liegenbleiben.  „Ich fand schon immer, dass sie nicht gut genug für dich ist, Maxim."  „Ach ja?“, erwidert er benommen. „Ja“, beharrt Lucinda. „Sie ist eine  Diva. Sie wollte schon damals bewundert werden. Du brauchst jemanden,  der dich unterstützt, Maxim. Jemanden, der nicht selbst ins Rampenlicht  will. Du bist so ein toller Mann… Warum bist du mit dieser Frau  zusammen, wenn sie dich unglücklich macht?“

„Sie  macht mich nicht unglücklich. Es sind die Umstände“, will Maxim  erklären, doch Lucinda unterbricht ihn. „Maxim, du brauchst sie nicht zu  entschuldigen. Sie ist nicht für dich da, oder? Und das wird sich nicht  ändern, wenn du sie heiratest!“ „Es ist nicht nur Marquise, die keine  Zeit hat.“ Maxim versucht erneut, die Situation zu erklären, merkt, dass  seine Zunge immer schwerer wird. Lucinda fällt ihm erneut ins Wort. „Du  versuchst schon wieder, sie in Schutz zu nehmen. Lass das, Maxim. Fakt  ist doch, dass sie sich nicht so um dich kümmert, wie du es verdienst.“

„Wenn  du meinst“, sagt er leise. „Das meine ich.“ Lucinda lächelt  triumphierend. „Du bist so ein toller Mann, so ein fantastischer Musiker  und du arbeitest so hart… du solltest dir eine Frau suchen, die dich  unterstützt." „Hm…“, macht er nur, sieht deprimiert in sein Glas. Im  Grunde stimmt es, was sie sagt. Marquise ist in der letzten Zeit  wirklich nicht gerade aufmerksam gewesen, was ihn anging. Ob es  umgekehrt genauso gewesen ist? Vermutlich schon. Vielleicht ist es doch  keine so gute Idee, denkt er, wenn sich zwei Königstiger zusammentun.  Vielleicht ist jedes Ego für sich zu groß?

„Es  ist wirklich heiß hier drin, findest du nicht?" Lucinda zieht ihren  Mantel aus, setzt ihren beeindruckenden Ausschnitt in Szene. Sie hat  größere Brüste als Marquise, stellt er fest, ist sich jedoch auch  sicher, dass es sich hier nicht um ein Naturprodukt handelt. Sie bemerkt  seinen Blick, zieht ihre Augenbrauen hoch. „Gefällt dir, was du siehst,  Maxim?" Ertappt wendet er den Blick ab. „Was meinst du?" „Na, ob dir  meine Brüste gefallen." Widerstrebend sieht er ein zweites Mal hin. „Die  sind nett… schätze ich." „Schätzt du?“ Sie zieht eine Schnute. „Naja…im  Detail kann ich es nicht beurteilen…“

Maxim  merkt noch, dass gerade etwas völlig schiefläuft, fragt sich, wie es  überhaupt dazu gekommen ist. War er etwa schon betrunken? Jetzt? Vor  zwölf? Von zwei Gläsern Wodka? Er ist so damit beschäftigt, seine  Gedanken zu ordnen, dass er gar nicht mitbekommt, dass Lucinda  inzwischen auf seinem Schoß sitzt. Hatte er die Mutmacher vor dem  Konzert nicht mitgezählt? „Maxim“, dringt es wie durch Watte in seine  Ohren. „Ich würde dich besser behandeln als sie. Maxim, ich würde dich  so behandeln, wie du es verdienst. Ich wäre immer für dich da…"

„Lucinda.“  Sein Versuch, sie abzuwehren, ist viel zu schwach. „Ich denke nicht,  dass…" Sie weiß genau, dass nur noch eine Kleinigkeit fehlt, um ihn  willenlos zu machen. „Keiner muss davon erfahren.“ Sie greift nach  seinen Händen, zieht sie zu ihren Brüsten und lässt sie dort liegen.  Dann spürt er ihre Zunge auf seinem Hals. „Es kann unser Geheimnis  bleiben, wenn du willst", säuselt sie, will ihre einzige Chance auf gar  keinen Fall vertun. „Gib es zu, du willst es doch auch.“ „Ich glaube  nicht…“, murmelt Maxim noch. Was dann geschieht, hat er nicht mehr in  der Hand. Er weiß nur, dass es ein riesengroßer Fehler ist. Vielleicht  der größte seines Lebens.

Als Maxim am nächsten  Morgen mit Kopfschmerzen erwacht, bemerkt er, dass er sich in einem  fremden Raum befindet. An der Tür hängt eine Nummer, die Nummer eines  Hotelzimmers. Großer Gott, wer hat ihn hiergebracht? Verunsichert sieht  er sich weiter um, erkennt mit Entsetzen die blonde Frau neben sich im  Bett. Sie scheint zu schlafen. Bei einem Blick unter die Decke stellt er  fest, dass sie nackt ist, genau wie er. Es trifft ihn wie ein Schlag:  Lucinda. Die Bar. Der Alkohol... Bruchstückhafte Erinnerungen drängen  sich in sein Bewusstsein. Ja… Sie haben die Bar zusammen verlassen.  „Komm mit mir, Maxim. Nur für heute“, hat sie gebettelt. Dann ist er ihr  in dieses Hotel gefolgt. Was hat er nur getan?

In  Eile sammelt er seine Sachen zusammen, zieht sich hastig an, verlässt  fluchtartig das verhängnisvolle Zimmer, die Kapuze tief ins Gesicht  gezogen. Draußen auf der Straße ist ihm furchtbar elend zumute. Sein  schlechtes Gewissen verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Was soll er nur  tun? Soll er Marquise davon erzählen? Nein. Das kann er nicht. Es ist  nicht die Angst vor einer Szene. Es ist die Angst, sie zu verletzen.  Besser ist es also, den Abend zu vergessen. Dann würde alles so sein,  als wäre das nie geschehen. Ja. So könnte es funktionieren. Trotzdem…  wirklich wohl bei dem Gedanken ist ihm nicht.

Je  länger er sich mit seiner furchtbaren Lage beschäftigt, desto wütender  wird er. „So ein Mist!“ Mit voller Kraft tritt er gegen eine Mülltonne  am Wegrand. Dann setzt er sich auf eine Bank, bricht hemmungslos in  Tränen aus. Er kommt sich vor wie ein Versager. Das Mädchen neben ihm  bemerkt er erst später. Sie starrt ihn neugierig an. Verwirrt schaut er  zurück. Sie ist etwa zehn, hat dunkles Haar und braune Augen. Wie  Marquise. „Warum weinst du?“, fragt sie plötzlich, reicht ihm, als er  nicht antwortet, mit ernster Miene ein Taschentuch. „Hier. Damit du  nicht mehr so traurig bist.“ „Danke…“ Er greift zu, wischt sich die  Augen trocken.

Schließlich wiederholt sie ihre  Frage: „Warum weinst du?“ „Ich habe etwas Furchtbares getan“, antwortet  Maxim eher unwillkürlich als überlegt. Irgendwie erinnert auch sie ihn  an Anna. „Was hast du getan?“ Noch immer sieht das Mädchen ihn  aufmerksam an. „Ich… ich…“, stammelt Maxim, sucht nach den richtigen  Worten. „Ich habe die Frau, die ich liebe, betrogen.“ „Was heißt das?  Betrogen?“ „Das wirst du erst verstehen, wenn du erwachsen bist“,  vertröstet er sie leise. „Kinder tun sowas nicht.“ „Ist das was  Schlimmes?“ Maxim seufzt. „Warum sollte ich sonst weinen?“

„Dann  ist es sehr schlimm“, stellt sie sachlich fest. Maxim nickt. „Es wird  die Frau, die ich liebe, sehr unglücklich machen. Wenn ich es sage, geht  sie womöglich weg. Zumindest wird sie mich hassen.“ „Ich glaube nicht,  dass sie dich hassen wird“, entgegnet das Mädchen mit sanfter Stimme,  „solange du ehrlich bist.“ „Du kannst das nicht verstehen“, behauptet  er. „Du bist ein Kind. Kinder dürfen Fehler machen. Man sieht es euch  nach, erwartet sogar, dass ihr Fehler macht, weil ihr jung seid. Wenn  Erwachsene Fehler machen, ist das anders.“ „Trotzdem musst du es sagen“,  beharrt das Mädchen. „Sonst bist du ein Lügner.“ „Ich kann es nicht!“  In seinem Kopf dröhnt es. „Hörst du? Ich. Kann. Nicht!“

Das  Mädchen wirkt enttäuscht. „Du tust es schon wieder“, sagt sie dann.  Dieser Blick… Maxim wird flau. „Anna?“ Sie reagiert nicht auf diesen  Namen. „Du läufst schon wieder davon, Maxim“, fährt sie stattdessen  unbeirrt fort. „Anna?“, fragt er noch einmal. Auch jetzt bekommt er  keine Antwort. Bin ich nun endgültig durchgedreht? Maxim ist sich nicht  sicher. „Renn nicht weg, Maxim.“ Vorsichtig nimmt die Kleine seine Hand.  Ihre Haut ist kalt. „Du wirst gebraucht. Ganz egal, was du getan hast.  Sei kein verdammter Feigling! Nicht dieses Mal!“ „Anna?“ Er fasst sich  an die schmerzende Stirn, stellt fest, dass das Mädchen neben ihm  verschwunden ist.

„Verdammte Paparazzi!“,  schimpft Marquise, als sie François‘ Atelier endlich erreicht hat. „Die  haben mich verfolgt. Ich musste den Weg durch die Gasse nehmen, um sie  los zu werden.“ „Denkst du nicht, dass es langsam an der Zeit wäre,  einen Leibwächter zu engagieren?“, gibt François zu bedenken. „Du bist  berühmt. Da ist sowas durchaus angebracht.“ „Ich weiß“, stöhnt sie.  „Marianne will sich darum kümmern.“ „Die denkt wohl an alles.“ François  kann nicht verbergen, dass er ihre Weitsicht bewundert. „Tut sie das?“,  fragt Marquise lustlos nach. „Ich nehme sie gar nicht mehr richtig wahr,  obwohl sie ständig um mich herumschwirrt.“

„Was  ist los, chérie?“ François sieht sie besorgt an. „Warum lässt mein  Vögelchen den Kopf so hängen?“ Sie schaut betrübt ins Leere. „Maxim und  ich… Wir leben uns auseinander“, rückt sie dann schließlich doch mit der  Sprache heraus. „Wir sehen uns kaum noch. Und wenn wir uns sehen, dann  streiten wir wegen jeder Kleinigkeit. Aber es ist nicht nur das… Wir  vernachlässigen unsere Beziehung in allen Bereichen. Letzte Woche haben  wir unseren Jahrestag vergessen. Beide. Außerdem spüre ich, dass Maxim  etwas verheimlicht. Er ist so wortkarg, weicht meinem Blick aus.“ Dann  fängt sie hemmungslos an zu weinen.
 
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