Leseprobe - Leosplace

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Romane > Orcus Gammeus > Das Mädchen mit den singenden Klingen
Schwarze Schwäne
Leuchtend roter Mund
Ziehen Trauerkreise
Um das Schloss
Von Wasser umgeben
Die Brücken wurden hochgezogen
Zu früh versank sein Stern
Schwarze Schwäne
Leuchtend roter Mund
Trauer im Schloss

Ingrid Maria Sander
2. Die Fürstin der Finsternis
 

Das Nebelschloss war wie gewöhnlich von einer grauen, dampfenden Suppe umhüllt.
   

Als sie den Finsterwald hinter sich gelassen hatten, stieg Unakit ab. Obwohl das Tageslicht nun nicht mehr von riesigen, dicht belaubten Bäumen zurückgehalten wurde, konnte er die Hand kaum vor Augen sehen. Es war so diesig, dass sich nicht mal die nahe gelegenen Festungsmauern zu erkennen gaben.
Von hier aus musste er zu Fuß weiter gehen; er musste sich von seiner Intuition durch die trüben Schwaden leiten lassen. Das war zwar etwas mühselig, doch nicht weiter schwer, denn er hatte es gelernt; alle lernten es in dieser Welt.
   

Dicht gefolgt von Morgana, schritt er ohne Zögern voran, bis er den wilden Atem des schwarzen Flusses vernehmen konnte. Noch drang er nur als leise Andeutung durch die feuchte, schwere Luft, doch seine scharfen Ohren täuschten ihn nie! Morgana schnaubte sanft. Sie hatte es auch gehört! Jetzt war es nicht mehr weit!
Ohne Straucheln bewegten sich Reiter und Pferd über den unebenen, steinigen Boden auf die heimatlichen Klänge zu.
Währenddessen verwandelten sich die fernen Schwingungen zu einem diffusen Rauschen, das mit jedem Schritt lauter wurde, um schließlich ­in ein donnerndes Dröhnen überzugehen. Hinter üppigen Auen­kraut­sträu­chern tauchte ein wenig verschwommen das geheimnisvolle, dunkle Gewässer auf.
Direkt vor ihnen fiel das Gelände steil ab. Die Wellen peitschten mit großer Wucht gegen die Klippen; und als Unakit − wie schon so oft – hinunter in die schäumende, schwarze Brühe schaute, glaubte er für einen Moment lang, den glitzernden Schwanz einer Nymphe zu sehen.
   

Mitten im Fluss trotzte das ehrwürdige, uralte Gemäuer der brausenden Strömung. Seine Ausmaße ließen sich vom Ufer aus kaum abschätzen, doch wusste Unakit auch so, dass es unermesslich war. Gespenstisch hoch ragten seine Türme in den Himmel hinauf; über dem größten von ihnen prangte Rubines Flagge: ein schwar­zer Schwan auf rotem Grund.
Er musste nicht lange warten, bis die gewaltige Zugbrücke heruntergelassen wurde. Jetzt gab es keinen Aufschub mehr! Widerstrebend stieg er auf Morganas Rücken, um langsam − so, als wolle er die Zeit doch noch anhalten − über das rissige Holz zu reiten.
   

Angespannt verfolgte er, wie sich die schweren Eisentore öffneten, hinter denen augenscheinlich schon jemand auf ihn wartete. „Unakit, schön dich zu sehen!“, schallte es fröhlich über den Hof.
Der Heimgekehrte atmete auf, denn es war Rhodonit, sein bester Freund, dessen vertraute, wohlklingende Stimme er gleich erkannte. Schnell sprang er ab, um ihn in die Arme zu schließen. Zwischen ihnen hatte sich  − allem Anschein nach − in den letzten drei Jahren nichts verändert.
Auch vom Aussehen her war Rhodonit noch ganz der Alte. Er band die langen Haare nach wie vor im Nacken zusammen; etwa so wie Unakit. Sein malvenfarbener Stein hing ihm − genau wie früher − an einem abgewetzten Lederriemen um den Hals. Da er keinen besonderen Wert auf Kleidung legte, hatte er sich bis heute nicht von seiner altbekannten, roten Metall­blatt­jacke getrennt.
Als Unakit ihn wieder losließ, stellte sich jedoch heraus, dass der Gute nicht ganz so heiter war, wie eben noch angenommen. Jetzt, nach der ersten Wiedersehensfreude, starrte er ein wenig verlegen an ihm vorbei, während er mit unübersehbarer Nervosität von einem Fuß auf den anderen trat. Irgendetwas – da gab es keinen Zweifel − lag ihm auf der Seele.
Quarzes Worte tauchten in seinem Gedächtnis auf; unwillkürlich und bedrohlich, wie dunkle Wolken. Ob die Unruhe seines Freundes womöglich mit seiner Verspätung zu tun hatte? Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
„Du warst lange weg, mein Lieber“, murmelte Rhodonit dann endlich in die Stille, so, als hätte er seine geheimen Befürchtungen gehört. „Rubine ist wütend auf dich. Sie spielt mit dem Gedanken, dir deinen Stein wegzunehmen oder, was noch niederträchtiger wäre, dich Jade auszuliefern.“
Unakit erstarrte. Er lag also richtig; und nicht nur das. Vermutlich stand es sogar schlimmer um ihn, als er bisher angenommen hatte.
   

Rubine war schon immer grausam gewesen; grausam und doch so unglaublich schön, dass es einem den Atem nahm und man den Schmerz, den sie verursachte, gleich wieder vergaß; eine gefährliche Göttin, die schneller tötete, als man einen Mucks machen konnte.
Krampfhaft umklammerte er den Unakit um seinen Hals. Sie durfte ihm den Stein nicht wegnehmen! Der Stein und er waren wie Brüder, seitdem er ihn das erste Mal berührt, …seitdem er seine Magie gespürt hatte... und was Jade anging...
Er kannte sie nicht, weshalb er auch nicht verstand, warum Rhodonit sie für das weitaus schlimmere Übel hielt. Natürlich hätte er seinen Freund sofort nach ihr gefragt, wenn nicht im gleichen Augenblick noch jemand dazugekommen wäre.
 

Eine zierliche Frau warf sich ungestüm um seinen Hals.  Erst als sie ihn wieder frei gab, bemerkte er, dass es Türkise war. Mit ihr hatte er nun wirklich am allerwenigsten gerechnet.
Ihr langes Kleid, das bis zum Boden reichte, glänzte grandcanyonblau; ebenso wie der Stein in ihrem Dekolletee. Sie hatte ihre dichten, schwarzen Haare auf Schulterlänge schneiden lassen, was ihr – wie Unakit nur ungerne zugab − ausgesprochen gut stand. Es ließ sie irgendwie reifer aussehen.
Neugierig schaute er in ihre Augen. Ja… Sie schillerten immer noch cyanfarben… Sie waren immer noch leuchten hell… und hatten auch heute noch die gleiche, magische Anziehungskraft.
„Unakit! Gut, dass du da bist!“ rief sie mit ihrer hellen, glockenklaren Stimme, durch deren Klang sich ein einzigartiger, zarter Hauch von Blau­­grün auf ihre blassroten Lippen legte.
Auf seiner Reise hatte er nicht viel an sie gedacht. Erst jetzt, wo sie so anmutig vor ihm stand, erinnerte er sich  dunkel daran, dass sie früher mal ein Paar gewesen waren; leider kein besonders glückliches. Sie hatten nur allzu oft wegen irgendwelcher Nichtigkeiten gestritten; so unerbittlich, dass Türkise letztendlich bei Smaragd geblieben war.
Smaragd, einer der kräftigsten und attraktivsten Männer bei Hofe, besaß ein sehr ruhiges, eher ausgeglichenes Gemüt. Mit ihm konnte man gar nicht aneinander geraten...

Unakit verlor sich in dem endlosen Blau ihrer Iris. Wenn er richtig darüber nachdachte, bereute er es heute, sie einfach gehen gelassen und Smaragd nicht zu einem Duell herausgefordert zu haben.
Ein leichter Stoß in die Rippen riss ihn aus seinen Gedanken.
„Du hättest ja auch mal von dir hören lassen können!“, beschwerte Türkise sich lautstark. „Ich bin fast wahnsinnig geworden. Drei Jahre hast du uns in Unwissenheit gelassen! Wir glaubten dich tot!“ Nach einer kurzen Pause fügte sie etwas leiser hinzu: „Es wäre wirklich schlimm gewesen, wenn du nicht mehr aufgetaucht wärst!“
Überrascht suchte Unakit in ihren Augen nach einer Erklärung für diese völlig unerwartete, überschwängliche Anteilnahme. Ob es doch noch eine Verbindung zwischen ihnen gab? Sichtlich enttäuscht musste er feststellen, dass sie seinem Blick nicht standhielt.
Stattdessen füllte sich nun auch ihr sanftes Gesicht mit Sorge, so, wie vorhin noch das von Rhodonit. „Rubine ist außer sich“, stieß sie mühsam hervor. „Ich glaube sie ist im Stande, Jade einzusetzen…“ Ihre Stimme versagte, und sie  brach ab. Was hatten nur alle hier mit Jade? Sie schien ja der leibhaftige Teufel zu sein!
   
Unakit versuchte krampfhaft, sich dieses grüne Ungeheuer vorzustellen, während einhüllt von weißen Nebelschleiern zwei weitere Gestalten auf der Bildfläche erschienen. Vermutlich hatten auch sie längst mit seiner Ankunft gerechnet.
Für einen Moment lang glaubte er gar, seinen Rivalen vor sich zu haben, bis er an dem etwas dunkleren Farngrün der Kleidung schließlich doch erkannte, dass es Jaspis war. Ihn hatte er bei seinem letzten Aufenthalt nur selten gesehen; ein paar Mal vielleicht, als sie gemeinsam zur Jagd gegangen waren. Damals hatte er ihn als gutmütigen, hilfsbereiten Kameraden kennen gelernt, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann. „Es freut mich, dich zu sehen“, grüßte Jaspis aufrichtig.
Seine Gemalin hieß Achate. Sie war − ganz im Gegensatz zu ihrem Mann − nur mit Vorsicht zu genießen.
Ihr schlanker, langer Körper steckte in einem ärmellosen, erdrauchroten Kleid, dessen Ausschnitt von unzähligen, kunstvoll geschliffenen Achaten verdeckt wurde. Die fuchsbraunen Locken hatte sie aufwändig hochgesteckt; ihre feuerdorn­farbenen Augen funkelten.
Formvollendet reichte sie ihm die Hand zum Gruß. „Wir haben uns eine Ewigkeit, nicht gesehen“, säuselte sie mit einer Freundlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie ihn nicht leiden konnte. „Es sind Jahre vergangen seit der Nacht, in der du uns verlassen hast.“
Unakit antwortete nicht. Er kannte sie schon lange, weshalb er vorzog, in ihrer Gegenwart nicht mehr als nötig zu sagen. Sie war – wie alle hier wussten − schwer einzuschätzen; außerdem berüchtigt für ihre unkontrollierten Wutanfälle. Abgesehen davon zählte sie zu den besten Freundinnen seiner Herrin.
„Rubine schickt mich“, fuhr sie dann auch gleich fort, wobei sie ihn auf eine unangenehme, einschüchternde Art taxierte. „Du sollst auf der Stelle zu ihr kommen.“
Rasch drückte Unakit die Hand seines Freundes, klopfte Jaspis leicht auf die Schulter und warf Türkise ein letztes, verlegenes Lächeln zu, ehe er Achate hinterherging.
Das aus abertausend bunten Steinen erbaute Haupthaus hatte sich nicht verändert. Seine Eingangshalle war auch heute noch ausgesprochen eindrucksvoll und... dunkel; so dunkel, wie das Anwesen von Quarze.
Durch die langgezogenen, kleinen Windaugen drang kaum ein Lichtstrahl ins Innere. Ohne die Kerzen auf den gewundenen Metallständern hätte man nicht mal die großartigen Malereien gesehen, welche allesamt von Rubines Siegeszügen erzählten.
Zielstrebig bewegten sie sich an den martialischen Kunstwerken vorbei auf eine Tür zu, die er bisher noch nicht geöffnet hatte. Dahinter lag zweifellos das Zentrum der Macht.
Gleich würde er vor ihr stehen. Unakit konnte seine Aufregung kaum verbergen. Warum Rubine ihn wohl ausgerechnet hier − im Nebelschloss – sprechen wollte? Sonst hatte sie ihn doch immer an einen geheimen Ort im Wald bestellt.
 

Achate klopfte, und sie traten ein.
Der Saal vor ihnen war noch weiträumiger, als Unakit vermutet hatte; außerdem so prachtvoll gestaltet, dass er unwillkürlich darüber nachdenken musste, wie viele Baumeister, Maler und Bildhauer einst daran gearbeitet hatten.
Auf dem steinernen, aus winzig kleinen Mosaikelementen zusammengesetzten Fußboden, lag ein endlos langer, dunkelroter Teppich, der geradewegs auf den sagenumwobenen Thron zu führte. Dieser war von Meisterhand gefertigt und tatsächlich über und über mit Rubinen besetzt; genau so, wie es sich die Leute im Land erzählten.
Langsam traten die beiden näher, bis sie wenige Meter vor der Fürstin, von der immensen Energie der roten Steine am Weitergehen gehindert wurden. Unakit schreckte zurück. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Rubine einen solchen Bann erzeugen konnten. Ihre Kraft war so groß, dass sie niemanden hin­durch ließen;  auch Achate nicht.
Notgedrungen blieben sie stehen. Jetzt endlich verstand er auch, warum sich zahllose, schauerliche Geschichten um diesen magischen Ort rankten, …warum Rubine von den meisten für absolut unbesiegbar gehalten wurde.
   

Inmitten der funkelnden Juwelen saß seine Herrin, deren unvergleichliche Schönheit ihn auf der Stelle erstarren ließ. Während heiße Glücksgefühle wie Blasen eines Geysirs in ihm aufstiegen, wurde sein Atem zunehmend flacher, bis er vor Ehrfurcht und Angst zu zittern begann. Das kannte er schon. Es war jedes Mal so, wenn er ihr gegenüberstand.
Verzweifelt versuchte er, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Er versuchte, sich zu konzentrieren, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen, doch gelang es ihm nicht. Ihre Ausstrahlung war einfach zu stark.
Als sie ihn erkannte, gab sie Achate einen Wink, woraufhin diese ehrerbietig knickste und verschwand.
   

Rubine trug ein langes Kleid aus gladiolenrotem, samtar­tigem Stoff, in dessen Dekolletee ein ca­ballero­far­bener Edelstein blitzte. Ihre glänzenden, elster­schwar­zen Haare waren über die Jahre ganz schön gewachsen, sodass sie ihr nun fast bis auf die Oberschenkel fielen.
Zu ihren Füßen lag ein kelpieartiges Tier − viel länger als die heimischen Echsen; ein Höllenhund, der jeden Fremden allein durch seine Größe erschreckte. Rechts und links des Throns wachten etliche Silberpanther; die letzten ihrer Art. So, wie es aussah, war es Rubine tatsächlich gelungen, den unbändigen Willen dieser stolzen Tiere zu brechen; sie in absolut zahme, treu ergeben Kreaturen zu verwandeln.
 

Unakit ließ den Blick schweifen. Erstaunt stellte er fest, dass hinter dieser Szenerie am Ende des Raumes noch jemand stand; jemand, den er nicht kannte. Dem Kleid nach zu urteilen, handelte es sich um eine Frau, doch war ihr Gesicht so jung; zu jung. Es passte eher zu einem Mädchen. Das verunsicherte ihn.
Dieses Schloss war kein Ort für Kinder. Kinder wurden, solange er denken konnte, in eigens für sie angelegten Festungen untergebracht, wo man sie auf das harte Leben in dieser zerrissenen Welt vorbereitete. Was dieses kleine Wesen hier wohl zu suchen hatte?
Rubine erhob sich mit unnachahmlicher Grazie, wobei sich zeigte, dass der Stein um ihren Hals noch heller strahlte als alle anderen. Seine überlegene Aura war wirklich unverkennbar. Ganz selbstverständlich, völlig mühelos verließ sie das schützende Feld, um den Besuch in Empfang zu nehmen.
Unakit versuchte, ihre Züge zu deuten. Was hatte sie vor? Würde sie ihm eine Chance geben, die Verspätung zu erklären?
„Unakit, ich bewundere deinen Mut“, begann sie sachlich; doch er traute ihr nicht. Er ahnte schon, dass dieser Tonfall nicht im Geringsten zu ihrer wahren Gesinnung passte. Regungslos wartete er ab. Nun, er hatte sich nicht getäuscht!
Ihre Miene verdüsterte sich von einer Sekunde zur anderen, worauf sie ihn in einem eben noch unvorstellbaren, dissonanten Fortissimo anfuhr: „Du lässt jahrelang nichts von dir hören, bleibst länger weg als vereinbart und erschießt einen heiligen Vogel! Ich kann nicht glauben, dass du es wagst, mir unter die Augen zu treten!“
Schrill, wie klirrendes Metall drangen ihre Worte in seine Ohren. Sie war wirklich sehr wütend, seine Herrin, und ihm war klar, dass er diesen Zorn – in welcher Form auch immer − über sich ergehen lassen musste.
   

„Jade!“ Das Mädchen hinter dem Thron kam augen­blicklich an ihre Seite.
Sie war um einiges kleiner als Rubine; außerdem so zart, dass sie eher einer Porzellanpuppe ähnelte, denn einem Lebewesen. Ihre schwal­­­­­­­benschwarz-gold gesträhnten Haare, fielen schwerelos über das lange, schlangengrüne Kleid. Um den Hals trug sie – wie sollte es auch anders sein − einen Jadestein.
Das war sie also: Jade, vor der die anderen ihn so gewarnt hatten; ein Kind, das eigentlich in die Obhut von Erzieherinnen gehörte. Sie sah so harmlos aus, so unschuldig, und doch sollte sie die schlimmste aller möglichen Strafen sein! Unakit konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass von ihr eine Gefahr ausgehen konnte.
Mit freundlicher Stimme wandte sich Rubine an das zerbrechliche, scheue Geschöpf gleich neben ihr. „Geht es dir gut?“ fragte sie fast schon mütterlich. Ihr Gegenüber nickte zaghaft. „Aber du bist so dünn, Liebes!“ entgegnete die Ältere besorgt. „Du musst doch bei Kräften bleiben. Du weißt doch, dass wir in den Schlachten auf dich angewiesen sind.“
Jade richtete den Blick verlegen zu Boden, während Rubine ihr aufmunternd zulächelte. „Wenn du nicht mehr isst, wird der Feind dich wegpusten. Ich habe dem Koch befohlen, dir heute Kleehase mit Graukartoffeln  zu kochen und erwarte, dass du alles aufisst.“ Die Kleine zuckte leicht zusammen, stimmte aber zu.
 

Anschließend nahm die rot Gekleidete den erstaunten Besucher erneut ins Visier. „Und nun zu dir“, fauchte sie herzlos. „Ich habe dich kommen lassen, damit du erfährst, was passiert, wenn du mich ein zweites Mal so enttäuschst. Jade wird es dir zeigen!“
Deshalb war sie also hier! Eine lange Pause entstand, in der Unakit spürte, wie ihm die Angst von hinten in den Nacken griff. Dieses kleine, unwirkliche Ding war anscheinend ja wohl doch ziemlich gefährlich!
Auf Befehl der Fürstin trat Jade an ihn heran, um seine moosgrünen, sandmohngefleckten Augen ganz aus der Nähe zu fixieren. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sie von ihm wollte, bis ihre mambagrüne Iris mit einem Mal so hell erstrahlte, dass er seinen Blick nicht mehr abwenden konnte.
Er spürte ihre leuchtende Energie wie ein Gift in sich eindringen, …immer tiefer, …in jeden Winkel seines bleichen Körpers. Sie schien ihn zu zerschneiden, …bei lebendigem Leibe, …mit hundert Messern, …in tausend Scheiben; ...und er, …er konnte sich nicht rühren … konnte nicht mal schreien …war dieser unbändigen Kraft völlig hilflos ausgeliefert. Er wollte weglaufen; konnte aber nicht. Er verlor jegliches Zeitgefühl. Er war außerstande festzustellen, wie lange seine Qualen dauerten − eine Ewigkeit, oder nur einen kurzen Moment?
Als die Lektion beendet war, begriff Unakit schlagartig, warum Jade so hoch in der Gunst seiner Herrin stand, …warum sie hier im Schloss sein durfte, …warum die anderen so große Ehrfurcht vor ihr hatten.
Nur verschwommen hörte er, wie Rubine sie aus dem Saal schickte.
   

Erstaunlicherweise hatte er nicht mal einen Kratzer. Ziemlich undeutlich, wie durch einen Nebelschleier nahm er wahr, dass die Fürstin lächelte. Auch er selbst schien zu lächeln; ganz gegen seinen Willen. Der Schock, unter dem er gerade noch gestanden hatte, schwand schon wieder dahin. Er konnte ihr nicht böse sein. Das konnte er nie.
„Ich weiß, dass es schmerzhaft ist“, sagte sie ungerührt, wobei sie ihm einen Becher mit rotem Wein reichte, „doch konnte ich nicht umhin, dich mit der wunderbaren Gabe meiner schwesterlichen Freundin vertraut zu machen. Du hast es verdient.“ Dann sah sie ihn wild entschlossen an. „Wenn du meine Befehle erneut missachtest, wird Jade dich vernichten!“
Nach dieser Drohung nahm er erst mal einen großen Schluck. Quarze hatte also Recht: Sie stellte Jade tatsächlich auf die Stufe einer Schwester!
   

„Nun, was hast du mir zu erzählen?“ Während Rubine mit langsamen Schritten zum Thron zurückging, kam ihr schwarzer Schwan durch eines der offenenstehenden Fenster herein. Ganz selbstverständlich landete er auf ihrem Arm, worauf sie ihm zärtlich über das glänzende Gefieder strich.
Natürlich, diesen vermaledeiten Vogel gab es ja auch noch! Unakit hatte ihn schon fast vergessen! Dieser atemberaubend schöne Schwan war es ja, den Rubine liebte. Er war der Einzige, dem sie wirklich vertraute. Um seinen langen, schwarzen Hals trug er den gleichen roten Stein wie sie.
Alle im Land wussten, dass sie sich niemals von ihm trennen würde. Sie hatte tagelang geweint, als er kürzlich mit einem Pfeil im Flügel zu ihr gebracht worden war.
Unter den Leuten wurde er „Der Schwarzer Schatten“ genannt, weil er ohne einen Laut auftauchen und genauso leise wieder verschwinden konnte. Angeblich war er auch schneller als andere Vögel. Man munkelte sogar, dass er es ihm gelang, den Finsterwald mit einem einzigen Flügelschlag zu über­queren. Er wusste alles, was in der Umgebung des Schlosses geschah.
Rubine nannte ihn Nachtklang. Er war ihr Ein und Alles, ihr treuester Freund, ihr engster Verbündeter. Er aß von ihrem Teller und erhielt seine Fähigkeiten − genau wie sie − durch die Magie ihres Steines.
Oh, wie Unakit diesen Vogel hasste! Er glaubte nicht, dass es Eifersucht war, …oder doch?
Eines stand jedenfalls fest: Rubine würde niemals ein anderes Wesen so freundlich und zuvorkommend behandeln wie ihn; kein anderes Wesen würde jemals so viel Macht besitzen wie er.
Mit einem hässlichen Grinsen im Gesicht ließ sich der schwarz Gefiederte zu ihrem Platz tragen, um sich dort in aller Seelenruhe auf dem Schoß seiner Gönnerin niederzulassen.
   

Rubine lächelte aufmunternd. „Nun, du wolltest von deiner Mission erzählen.“ Unakit schwieg, die Augen auf den Schwan gerichtet. Dieser Mistkerl! Er hatte ihr von dem Raben erzählt…
„Unakit!“ Der scharfe Ton seiner Herrin ließ ihn zu­sammenzucken. „Deine Mission… Was hast du erfahren?“ Ungeduldig schob sie das Kinn vor, so, wie Türkise es auch tat, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.
Obwohl er ziemlich nervös war, nahm Unakit sich vor, die Fürstin während seiner Ausführungen anzuschauen, was ihm jedoch nicht gelang. Ihre Augen waren einfach viel zu rot ­– anthurienrot, sodass er seinen Blick nun doch auf etwas anderes lenken musste. Umso mehr bemühte er sich um einen ruhigen, angenehmen Tonfall.
„ER hat vor wiederzukommen...“, Der Verunsicherte brach unvermittelt ab. Ihm war schon klar, dass die gewaltige Melodie seiner Worte zunächst für eine ganze Weile im Raum stehen bleiben würde.
   

Erst als sie wieder verklang zwang er sich, seinen Kopf zurückzudrehen, um nun doch noch in das ebenmäßige Antlitz seiner Herrin zu schauen. Wie würde sie auf diese Nachricht reagieren?
Fürs Erste verzog sie keine Miene. Sie schien nachzudenken. Dann lachte sie kurz auf, so schrill und klar, dass es noch in seinen Ohren schallte, als es schon längst wieder still war. „Das würde er nicht wagen, nach allem, was hier passiert ist. Nein! Er hat so viele traurige Erinnerungen an diese Welt.“
Da sie doch aufgeregter zu sein schien, als sie zugeben wollte, versuchte Unakit schnell, die Dinge ein wenig zu verharmlosen. „Wir werden schon mit ihm fertig“, antwortete er leise, „und mit den anderen auch.“
Ungeachtet seiner Bemühungen überzog Zornesröte ihre Wangen. „Und ob wir das werden! Schließlich bin ich stark genug, um mit einem alten Kauz zu kämpfen!“ Sie bebte am ganzen Körper.
„Natürlich seid Ihr das“, bestätigte er schnell. „Jedoch ist er diesmal nicht allein. Er bringt Verbündete aus der anderen Welt mit; seine Enkelinnen, von denen die jüngste eine besonders ausgefallene Gabe erhalten wird... Außerdem nehme ich an, dass Saphire sie beschützen wird…“
Er stockte, um die Reaktion auf den Namen ihrer Schwe­ster abzuschätzen, wobei er inständig hoffte, sie nicht noch weiter in Rage gebracht zu haben. Rubines Brauen zogen sich etwas zusammen. Sonst geschah erst mal nichts.
Also fuhr er fort: „Zu allem Überfluss sind auch die Tiere auf ihrer Seite. All die Verbannten, die Braunen und Bunten; jene, die von unseren Pfeilen verfehlt wurden… und auch die Verwundeten…“
Bei diesen Nachrichten begann die Wut auf ihren Wangen erneut zu glühen. „Es ist eine Schande, Saphire in der Familie zu haben!“, schrie sie nun ungehemmt. „Ihr Name beschmutzt unseren Stammbaum so sehr, dass ich ihn zerreißen würde, wenn ich könnte! Sie ist eine falsche Schlange, die sich vorgenommen hat, auf diesem Thron zu sitzen und mich dafür sogar umbringen würde.“
Ein langes Schweigen entstand.
Ja, genau so war es. Unakit wusste, dass sie Recht hatte. Saphire würde ihre Schwester umbringen und zwar bei der erstbesten Gelegenheit; doch wusste er auch, dass Saphire − mal abgesehen von Nachtklang − so ziemlich die Einzige war, die Rubines Gaben Stand halten konnte. Sie war ebenso stark wie seine Herrin und − wenn er es sich recht überlegte − auch genauso hübsch.
   

Achate kam herein. Ihre Haare loderten wie Feuer durch das schummrigen Dämmerlicht des Thronsaals. Sie brachte etwas zu essen.
Mürrisch reichte sie ihm ein silbernes Tablett, auf dem sich eine Schale Feuermöhren und ein kleiner Teller mit Fisch befanden. Fisch…? War das hier denn überhaupt Fisch? Die schuppige Oberfläche dieses merkwürdigen Klumpens schimmerte grünlich-violett; das Fleisch eher bläulich.
So was hatte Unakit noch nie gesehen. Er warf Rubine einen fragenden Blick zu. „Nymphen­fleisch“, erwiderte diese kaltherzig. „Manche von ihnen verirren sich in den Burggraben, und ich dulde sie dort nun mal nicht. Sie sind sehr schmackhaft, glaube mir.“
Erschrocken dachte er an den glitzernden Schwanz, den er in den schwarzen Wogen des Flusses gesehen hatte. Ihm wurde übel. Mit einer groben Bewegung drückte er Achate das Tablett wieder in die Hände. Er konnte beim besten Willen nichts davon essen.
 

„Nun, da du nicht hungrig bist, können wir ja gleich weitermachen“, stellte Rubine trocken fest. Sie trug ihm die Sache mit dem Essen nicht nach; es gab schließlich Wichtigeres. Erwartungsvoll sah sie ihn mit ihren rotglühenden Augen an.
Unakit atmete tief ein, ehe er weiter sprach. „Er wird bald hier sein… und er ist stärker, als Ihr ahnt.“ Unzufrieden runzelte Rubine die Stirn. „Du wiederholst dich, Unakit. Wie ich bereits sagte, wird es ihm niemals gelingen, in unsere Welt zurückzukehren.“
„Doch“, erwiderte er bestimmt, wobei jede Farbe aus seinem Gesicht wich. „Euer Spion hat im Lager der Gegner ein Mädchen gefunden; eine Blinde mit ausgeprägten Zukunftsvisionen. Sie hat davon gesprochen, dass er mit seinen Enkelinnen aus der Welt, in die sie geflohen sind, zurückkehrt.“
„Ach wirklich?“ Unruhe kam in ihre Stimme. „Ja“, bekräftigte er zögernd. „Das ist aber leider noch nicht alles!“ Spürbar gereizt bohrte sich ihre vor Aufregung zitternde Iris in seine. Sie glitzerte so stechend, dass er sich am liebsten zusammengekauert hätte. „Was gibt es denn sonst noch?“, fragte sie lauernd.
„Ihr müsst wissen, meine Herrin“, erklärte Unakit ausweichend, „dass die Auskünfte des Mädchens nicht leicht zu verstehen sind. Eurer Spion musste sich an ihren Freund halten, um das, was sie erzählte, halbwegs deuten zu können...“
„Nun sprich schon!“, fuhr sie ihn aufgebracht an. „Du weißt es doch, oder?“
In seiner Not nahm er sich vor, es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, auch auf die Gefahr hin, dass sie ihm in blinder Raserei seinen Stein wegnahm oder Jade herbeirief.
   

„Sie hat das Mädchen mit den singenden Klingen gesehen.“
   

Nun war es endlich heraus. Mit angehaltenem Atem wartete er auf das, was passieren würde. „Du meinst“, flüsterte sie leise, fast ehrfürchtig, „das Mädchen aus dem alten Lied? Die Hüterin der Gerechtigkeit und des Friedens?“
„Ja“, gab er mit gesenkten Lidern zurück. Dann wartete er wieder. Es blieb still.
Mit aller Kraft suchte Rubine in ihrem Gedächtnis nach den Worten des alten Wiegenliedes. „Nun“, sagte sie schließlich mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen, „dann bereiten wir ihnen einen gebührenden Empfang.“

Eine  große Last fiel von ihm ab. Sie schien ihn noch zu brauchen. „Wie Ihr  wünscht, meine Fürstin“, erwiderte er schnell. „Sie werden den Empfang  bekommen, den sie verdienen.“
 
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